Paris. Manchmal verliert selbst ein Roger Federer die Contenance. In seinem Viertelfinale gegen den Argentinier Juan Martin Del Potro fauchte er einen Zuschauer, der bei einem Slice des Schweizers an die Linie "Out" gerufen hatte, mit den wenig höflichen Worten "Shut up!" an und war danach selbst davon peinlich berührt. "Ich hoffe, dass das nicht allzu viele Leute gesehen haben", meinte er nach seinem Fünfsatzsieg.

Roger Federer ist noch immer mit demselben Elan wie früher bei der Sache. - © dapd
Roger Federer ist noch immer mit demselben Elan wie früher bei der Sache. - © dapd

Dass die Nerven auch bei Federer manchmal blank liegen, verzeiht man ihm in Paris aber, die meisten Zuschauer verstehen es als Zeichen, dass der 30-Jährige auch bei seinen 14. French Open noch mit derselben Leidenschaft auf dem Platz steht wie früher. Genau das war von einigen schon bezweifelt worden. Doch Federer will sich mit einer Nebenrolle im Giganten-Trio des Welttennis nicht abfinden. Alle reden über den möglichen siebenten Sieg von Rafael Nadal, der sich bisher in Paris in bestechender Form präsentiert hat und am Freitag das Halbfinale gegen seinen spanischen Landsmann David Ferrer bestreitet, und über den Weltranglistenersten Novak Djokovic, der bei einem Triumph Titelhalter bei allen vier Grand-Slam-Turnieren wäre. Im Halbfinale will Federer dieses Ziel des Serben zunichte machen.

Dabei sind auch Federers Rekordmarken nahezu unfassbar: Mit inzwischen 237 Grand-Slam-Matcherfolgen knackte er den Rekord des legendären Jimmy Connors und egalisierte mit seinem 31. Halbfinal-Einzug bei einem der vier wichtigsten Turniere eine weitere Connors-Bestmarke. Es störe ihn aber "überhaupt nicht", dass alle Welt mehr vom möglichen "Djoko-Slam" rede, sagte Federer.

Gute Erinnerungen an 2011


Das sei im Vorjahr in Paris mit Djokovics Saisonsiegesserie von 41 Erfolgen genau dasselbe gewesen. Bis Federer kam und den Serben im Halbfinale in einem epischen Vier-Satz-Krimi niederrang. Und nun kommt es zur Neuauflage dieser Partie, die für den Schweizer French-Open-Sieger von 2009 "das Match des Jahres" war, wie er in der Sportzeitung "L’Equipe" sagt.

Im Halbfinale von Rom hatte Federer zuletzt mit 2:6, 6:7 den Kürzeren gezogen. Aber wie auch er selbst hat sich Djokovic in Roland Garros 2012 bisher nicht sehr souverän präsentiert. Der Weltranglisten-Erste und Australian-Open-Champion musste gegen Lokalmatador Jo-Wilfried Tsonga im Viertelfinale vier Matchbälle abwehren. Und in der Runde zuvor gegen den Italiener Andreas Seppi hatte der 25-Jährige ebenso einen 0:2-Satzrückstand aufholen müssen wie Federer gegen Del Potro. Djokovic scheint durchaus schlagbar für den sechzehnfachen Grand-Slam-Turniersieger - im Gegensatz zu Nadal. Mats Wilander meint: "Nadal ist besser als jemals zuvor. Er ist der absolute, unbestrittene Favorit bei diesen French Open." Auch gegen Ferrer hat Nadal eine 11:4-Bilanz, allerdings ist sein Landsmann nicht zu unterschätzen. "Ich muss mein bestes Tennis spielen, um eine Siegchance zu haben", weiß Ferrer. Gegen den Weltranglistenvierten Andy Murray hat er dies zuletzt getan.