"Wiener Zeitung": Herr Hartmann, Sie hatten von 1986 bis 2009 den österreichischen Marathonrekord inne. Anfang der 1990er Jahre haben Sie sich vom Leistungssport zurückgezogen. Sind Sie seither Marathon gelaufen?

Gerhard Hartmann: Natürlich, auch mit großem Spaß. Warum ich heute keinen Marathon mehr laufe, hat den Grund, dass ich zu einem Zeitpunkt damit aufhören wollte, als ich wusste, dass es im Grunde noch möglich wäre. Wenn man das Marathonlaufen erst dann beendet, wenn es körperlich nicht mehr geht, bekommt man ein Problem.

Laufen Sie trotzdem noch regelmäßig?

Hartmann: Ich laufe pro Woche 80 bis 100 Kilometer, früher waren es 200 Kilometer.

Wie haben Sie es geschafft, trotz dieser jahrzehntelangen Extrembelastung fit zu bleiben? Gerade beim Laufen werden die Gelenke doch ziemlich beansprucht.

Hartmann: Zum Teil ist meine körperliche Verfassung natürlich ein großes Geschenk. Die Frage ist nur: Wie verwaltet man dieses Geschenk? Heute bin ich überzeugt, dass ich es gut verwaltet habe. Trotz der hohen Belastungen habe ich immer in meinen Körper hineingehört, habe meine Kräfte sehr genau eingeteilt und wollte nicht um jeden Preis bei allen Wettkämpfen dabei sein. Ich denke, das ist ein Punkt, an dem viele Menschen etwas falsch machen - nicht nur im Sport, sondern auch im Beruf. Viel zu viele glauben, unendlich viel Power zu haben.

Herr Spona, Sie sind Biochemiker und leiteten über viele Jahre das Ludwig Boltzmann Institut für zelluläre Endokrinologie. Seit rund 20 Jahren befassen Sie sich mit der Wirkung von Aminosäuren. Sie vertreten die Ansicht, dass künstlich zugeführte Aminosäuren die Leistungsfähigkeit des Menschen in vielen Lebensbereichen positiv beeinflussen können. Was war für Sie ausschlaggebend dafür, dass Sie sich mit diesem Thema wissenschaftlich befassten?

Jürgen Spona: Der zündende Funke war ein Gespräch mit einem amerikanischen Kollegen, der nach Möglichkeiten suchte, Kindern mit angeborener Muskelschwäche zu einer besseren Leistungsfähigkeit zu verhelfen. Durch die gezielte Behandlung mit Aminosäuren konnten diese Kinder auf 40 bis 60 Prozent der normalen Leistungsfähigkeit gebracht werden. Da habe ich den Plan gefasst, ein System zu entwickeln, das auch im Alltag anwendbar ist, also u.a. gegen Müdigkeit, Leistungsabfall und Antriebslosigkeit hilft.

Gerhard Hartmann: "Ich habe meine Kräfte immer genau eingeteilt". Foto: Robert Wimmer
Gerhard Hartmann: "Ich habe meine Kräfte immer genau eingeteilt". Foto: Robert Wimmer

In Ihrem Buch "Well-Aging" stellen Sie die Behauptung auf, dass Aminosäuren all das halten, was Hormon- und Vitaminpräparate versprechen - und zwar ohne Risiken und unangenehme Nebenwirkungen.

Spona: Diese Behauptung kann ich deshalb aufstellen, weil ich im Bereich der Hormonforschung tätig war. Und Aminosäuren können tatsächlich viele Dinge, die Hormone auch können. Sie bewirken beispielsweise eine Weitstellung der Gefäße, d.h. sie können blutdrucksenkend wirken und auch cholesterinsenkend. Im Rahmen von körperinternen Reparatur- und Erneuerungsprozessen sind Aminosäuren von zentraler Bedeutung. Man darf nicht vergessen, dass pro Sekunde 2,5 Millionen neue rote Blutkörperchen im Körper produziert werden. Alle vier Tage sind sämtliche Schleimhäute - auch die des Magens - erneuert, alle 24 Tage haben wir eine neue Haut. All das unterstreicht die große Bedeutung von Aminosäuren und die Notwendigkeit, den Aminosäurehaushalt in Ordnung zu halten.

Warum sind Sie der Ansicht, dass die Aminosäuren, die über das Essen aufgenommen werden, für den Menschen nicht ausreichend sind?

Spona: Als moderne Menschen sind wir einem permanenten Stress ausgesetzt. Oft ist uns das gar nicht bewusst. Denken wir nur ans Autofahren, das machen wir im Grunde automatisch. Aber der Körper registriert diesen Stress sehr wohl. Unsere Stresshormone sind pausenlos in der Höhe - und das bewirkt einen Mehrbedarf, das heißt, dass mehr Eiweiß abgebaut wird, als synthetisiert werden kann. Und diesen Mehrbedarf gilt es auszugleichen. 80 Prozent der Menschen haben nachweislich einen Mehrbedarf an Aminosäuren, nicht zu vergessen jene Menschen, die eine Verwertungsstörung haben und somit das Eiweiß, das über die Nahrung aufgenommen wird, nur ungenügend nutzen können.

Herr Hartmann, wenn Sie an Ihre aktive Laufbahn zurückdenken: Welche Nahrungsergänzungsmittel haben Sie damals eingenommen?

Hartmann: Gar keine, das liegt auch daran, dass ich so erzogen wurde. Meine Eltern haben mir den Satz mitgegeben: In einem gesunden Körper steckt ein gesunder Geist. Das hat mir geholfen, auch im Sport gesund zu bleiben. Ich habe von Kindheit an gelernt, mich gesund zu ernähren. Daraus ergibt sich natürlich gleich die Frage: Was ist gesund? Ich bin viel zu selbstkritisch, um mir anzumaßen, dass es Ernährungsempfehlungen gibt, die für alle Menschen Gültigkeit besitzen. Jeder Mensch hat einen anderen Stoffwechsel - deshalb kann ich höchstens darüber Auskunft geben, was mir persönlich gut bekommt.

Was steht beispielsweise auf Ihrem Frühstückstisch?

Hartmann: Mein Frühstück besteht aus einem Apfel, einer Schale Dinkelmus und einer Tasse Fencheltee. Das ist mein Basisfrühstück. Das tut mir gut. Trotzdem gibt es natürlich immer auch die Möglichkeit zu variieren.