Prag. (art) Die Geschichte zu umgehen, ist in Prag praktisch ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist mehr als nur ein Hauch Historie, der stets über der Altstadt weht; die Prager Burg, die Karlsbrücke, die Kirchen und Türme strahlen jenen Charme aus, der unzählige Touristen anlockt und dem Zentrum die Etikettierung als Unesco-Welterbe eingebracht hat. Vielleicht wird auch die illustre Reisetruppe aus Spanien, die am Wochenende in Tschechiens Hauptstadt zu Gast ist, die eine oder andere Sehenswürdigkeit besuchen. Hauptziel von David Ferrer und seinen Kollegen ist das aber nicht. Sie wollen ab Freitag nichts weniger als den Daviscup-Titel gegen das tschechische Team verteidigen.

Tomas Berdych (links) und David Ferrer sind die Top-Spieler ihrer Teams. - © APAweb/epa/Filip Singer
Tomas Berdych (links) und David Ferrer sind die Top-Spieler ihrer Teams. - © APAweb/epa/Filip Singer

Doch der Geschichte kommen auch sie unmöglich aus, zumindest nicht jener dieses Bewerbs. "The 100th Final" prangt auf den Plakaten, die für das Tennis-Spektakel in der O2-Arena werben, auf den Tribünen nehmen Größen von einst wie Ivan Lendl Platz. Er war 1980 der Star jener tschechoslowakischen Mannschaft, die zum einzigen Mal den Daviscup-Titel gewonnen hat. Nun ist Lendl als aktiver Tennisspieler längst in Pension, US-Staatsbürger, und seine neue Berufung hat er im Coaching des Schotten Andy Murray gefunden. Dennoch sind es gewissermaßen seine Erben, die sich ab Freitag in dem Kunststück versuchen, die gemeinhin als beste Tennisnation der Welt geltende Mannschaft zu schlagen. Die zu Lendls Zeit entstandene Tennisbegeisterung ist mit ein Grund, warum Tschechien in der Weltsportart Tennis eine der führenden Nationen ist - nicht nur bei den Herren, sondern auch bei den Damen, die erst vor zwei Wochen den Fed Cup gewannen. Können die Herren rund um Tomas Berdych nachziehen, hätten sie auch sportlich Historisches vollbracht: Bisher gingen die beiden Mannschaftstitel erst einmal an dieselbe Nation, 1990 gelang dies den US-Teams. Und noch nie hat eine Mannschaft Hopmancup, Fed Cup und Daviscup gewonnen, den Tschechen fehlt heuer nur noch Letzterer.

Dass das Unterfangen den höchstmöglichen Schwierigkeitsgrad hat, versteht sich von selbst. Spanien hat den Bewerb seit Beginn des Jahrtausends beinahe nach Belieben dominiert, insgesamt stehen seit dem ersten Triumph der Iberer vor zwölf Jahren fünf Titel zu Buche, vor drei Jahren führte man den gleichen Gegner wie diesmal mit 5:0 vor. Doch die jüngere Geschichte interessiert Berdych und Kollegen nicht wirklich. "Alles, was damals gegen uns gesprochen hat, spricht jetzt für uns", sagt der 27-Jährige, die Nummer sechs der Welt und also um einen Platz schlechter platziert als Ferrer, der das spanische Team in Abwesenheit von Rafael Nadal anführt. Dessen Fehlen ist ein Grund für die Zuversicht der Gastgeber, der Heimvorteil und der schnelle Belag sind zwei weitere. Dagegen sprechen freilich die Platzierungen der Spieler: Auch die Nummer zwei der Gäste, Nicolas Almagro, liegt deutlich vor Radek Stepanek. Und während Berdych und Stepanek mangels Alternativen vermutlich auch das Doppel bestreiten müssen, haben die Spanier das Paar Marcel Granollers/Marc López, das soeben das World Tour Finale gewonnen hat.

Doch Berdych fällt noch ein Grund ein, warum Tschechien der Papierform trotzen kann: Für die Spanier, sagt er, wäre es ja doch nur ein weiterer Titel. "Wir dagegen können Geschichte schreiben." Was sonst.