Olympia in Japan hat nicht nur Fans, wie dieses veränderte und im Internet kursierende Logo beweist. - © Facebook
Olympia in Japan hat nicht nur Fans, wie dieses veränderte und im Internet kursierende Logo beweist. - © Facebook

Buenos Aires. Istanbul, Madrid oder Tokio? In der Nacht auf Sonntag fällt bei der 125. Vollversammlung des Internationalen Olympischen Komitees die erste wichtige Zukunftsentscheidung, jene nach dem Ausrichter der Sommerspiele 2020. Während die einzelnen Delegationen die letzten Stunden davor noch zur Werbung in eigener Sache nützten, fiebert man auch in den drei konkurrierenden Metropolen der Wahl entgegen. Die Korrespondenten der "Wiener Zeitung" fassen die Stimmung im eigenen Land, die Eigenheiten der Kandidatenstädte sowie die Probleme, die zu erwarten sein könnten, zusammen.

Tokio. Wer in den vergangenen Tagen durch Tokios Straßen spaziert ist, den Fernseher angeschaltet hat oder eine Veranstaltung der Regierung besucht hat, wird es kaum geschafft haben, der ständigen Werbung für die Bewerbung Tokios um Olympia 2020 zu entgehen. Überall prangt das Logo aus einem Kirschblütenring in den olympischen Farben. Laut Regierung seien dieses Mal 92 Prozent der Tokioter für Olympia. Bei der Bewerbung für 2016 waren es am Tiefpunkt gerade 56 Prozent.

Egal zu welchem Thema: Über 90 Prozent ist erstaunlich hoch für Japan. Dort vermeidet man, seine Meinung zu sagen, bevor man die der Allgemeinheit kennt. Nicht selten enthält sich daher ein Drittel oder mehr oder antwortet mit "ich weiß nicht". Wenn also fast alle Tokioter dafür sind, dass am Samstag Madrid und Istanbul zurückstecken müssen, würde man erwarten, dass soziale Medien mit Anfeuerungsrufen brummen. Tun sie aber nicht. Stattdessen kursiert auf Facebook ein Bild, das das offizielle Logo mit dem Atomkraftzeichen überschreibt und zwischen Tokio und 2020 das Logo von Tokyo Electric Power (Tepco), dem Betreiber des havarierten Atomkraftwerks in Fukushima setzt. Darunter steht: "Die japanische Strahlung ist sicher."

Dass Tokio "vollständig sicher" vor der Strahlung sei, bekräftigte auch der Leiter der Tokioter Kampagne in einem Brief ans Olympische Komitee im August, als Wasserlecks am AKW rund um die Welt Schlagzeilen machten. Die Regierung setzte noch einen drauf: Sie steckte wenige Tage vor dem Entscheid öffentlichkeitswirksam umgerechnet 360 Millionen Euro an Steuergeldern in die Bewältigung der "Wasserkrise"; Experten bestätigten in der gleichen Woche, dass ein derzeit laufendes AKW nicht auf einer aktiven Erdspalte sitze. Der Zeitpunkt war verdächtig nahe an der Wahl.

Sicherheit - anders gemeint - ist durchaus ein Kernthema von Tokios Kampagne. Die Stadt soll für "Zuverlässigkeit und Sicherheit in Zeiten globaler Unsicherheit" stehen. Sicherer als das finanzschwache Madrid, sicherer als Istanbul, dessen Bewerbung wegen der Straßenschlachten in den vergangenen Monaten gefährdet ist. Was die Erdbebensicherheit betrifft - Istanbul und Tokio sitzen beide auf seismischen Pulverfässern. Doch wie sicher Tokio vor der Strahlung aus dem keine 250 Kilometer entfernten Atomkraftwerk Fukushima Daiichi ist und wo immer wieder Hotspots, also Orte mit hoher Strahlung, gefunden werden - darüber scheiden sich die Geister.

Die Regierung veröffentlichte dieser Tage eine Erklärung, wonach in keinem anderen Land Essen sicherer als in Japan sei, weil niemand strikter messe. Auch wegen des radioaktiven Wassers, das in den Pazifik lief, müsse sich niemand sorgen; bis in sieben Jahren sei dies behoben, sagte Premierminister Abe, der bei der Abschlusspräsentation in Buenos Aires spricht. Der nationalistische Politiker erhofft sich - wie der jetzige und der vorherige Gouverneur von Tokio, die ähnlich eingestellt sind - von Olympischen Spielen, dass sie das Image Japans aufwerten, wie schon 1964.

Japan wünsche sich die Spiele auch, weil es damit seinen Bewohnern nach der Dreifachkatastrophe 2011 wieder etwas Mut machen wolle, besonders denen in Nordjapan, hieß es in der Kampagne. Doch Tokio, das gerade damit warb, dass die Austragungsorte nur acht Kilometer voneinander entfernt seien, ist weit weg von der Region. Dort fragen sich viele: "Für Olympia in Tokio hätten sie Geld, aber was ist mit dem Wiederaufbau bei uns?" Wer in den vom Tsunami und der Nuklearkatastrophe betroffenen Regionen eine Umfrage machen würde, käme auch auf hohe Prozentzahlen - der Ablehnung.

Istanbul. (ce) Das offizielle Istanbul sieht sich vor der Wahl als Favorit - und falls es doch schiefgehen sollte, stehen die Schuldigen schon fest. "Es ist ja klar", sagte Egeman Bagis, in der türkischen Regierung zuständig für Europafragen, "dass die Marodeure und Aufwiegler der Gezi-Bewegung dem Image von Istanbul im Ausland schwer geschadet haben." Das soll heißen, falls Istanbul nicht den Zuschlag für die Olympischen Sommerspiele 2020 bekommt, wird die Regierung die Demokratiebewegung des Frühjahrs dafür verantwortlich machen.

Aber noch gab man sich in den Tagen vor der Entscheidung siegesgewiss. Schon viermal hat Istanbul sich vergeblich um die Austragung der Spiele beworben, doch dieses Mal, so glauben Regierung, Funktionäre und die Spitzen der türkischen Wirtschaft, stehen die Chancen so gut wie nie. "Wir bieten dem IOC die Möglichkeit, Geschichte zu schreiben", tönte Hasan Arat, Chef des türkischen Bewerberkomitees, vor dem Abflug nach Buenos Aires. "Istanbul wäre der erste Austragungsort auf zwei Kontinenten, Istanbul wäre die erste Olympia-Stadt mit überwiegend muslimischer Bevölkerung - und Istanbul wäre der erste Austragungsort, an dem nahezu die Hälfte der Bevölkerung unter 25 Jahre alt ist. Ein großes Potenzial, das der Sport hier zu gewinnen hätte."