• vom 15.11.2013, 16:13 Uhr

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Roger Bannister

Österreichs vergessener Weltklassecoach




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Von Heiner Boberski

  • Franz Stampfl, der "Ernst Happel der Leichtathletik", wäre jetzt 100 Jahre alt.



Wien. Was für Bergsteiger der Mount Everest, war für Leichtathleten in den 1950er Jahren ein Lauf über die englische Meile (1,609 Kilometer) in einer Zeit unter vier ("sub 4") Minuten. Der 6. Mai 1954, der Tag, an dem in Oxford dem Briten Roger Bannister erstmals dieses Kunststück gelang, ist in die Sportgeschichte eingegangen. Seine Freunde Chris Brasher (1956 Olympiasieger über 3000 Meter Hindernis) und Chris Chataway (der 1954 Weltrekord über 5000 Meter lief) hatten als Pacemaker fungiert, Bannisters Zeit lautete: 3:59,4.


Ein gebürtiger Wiener hatte als Betreuer aller drei Läufer den Masterplan für diesen Rekord entworfen: Franz Stampfl. Wenige Stunden zuvor hatte er noch zu Bannister gesagt: "Wenn du heute diese Möglichkeit nicht nutzt, wirst du dir je vergeben können?"

Franz Stampfl, geboren am 18. November 1913 in Ottakring, selbst ein talentierter Speerwerfer, trainierte in 60 Jahren Betreuerdasein etwa 22.000 Athleten, darunter viele Spitzensportler aus Australien und Großbritannien, die Weltrekorde aufgestellt, Olympiamedaillen und große internationale Titel errungen und ihn durchwegs als große Persönlichkeit in Erinnerung behalten haben. Viele davon kamen aus Australien, das ihn vor den Olympischen Sommerspielen 1956 in Melbourne als Betreuer engagierte und wo er seine neue Heimat fand. Dazu zählten unter anderen Ralph Doubell (Olympiasieger 1968 über 800 Meter), aber zeitweise auch der mehrfache Weltrekordläufer der 1960er Jahre Ron Clarke und der Tennischampion Roy Emerson. Stampfls Buch "On Running" fand in den 1950er Jahren weite Verbreitung. In seinen Methoden hatte vor allem ein ausgeklügeltes Intervalltraining seinen festen Platz.

Nun hat der Laufjournalist Andreas Maier dem in seiner Heimat fast unbekannten "Ernst Happel der Leichtathletik", einem österreichischen Trainer von Weltruf, mit einer glänzend geschriebenen Biografie ein Denkmal gesetzt. Darin schildert er das abenteuerliche Leben Stampfls, der 1937 nach England ging und von dort nach Australien abgeschoben wurde, der stundenlang im Meer schwimmend einen Schiffbruch überlebte und der sich das Motto "Niemals Grenzen akzeptieren" zulegte. Laufen definierte der ehemalige Kunststudent, der aber neben Läufern und anderen Leichtathleten als Konditionstrainer auch Fußballer, Tennisspieler, Boxer und Skirennläufer betreute, als eine Kunst, Läufer müssten als Künstler angesehen werden.

Am 19. März 1995 ist Franz Stampfl, der ab 1981 im Rollstuhl saß, aber weiter Athleten coachte, in Melbourne gestorben.




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Roger Bannister, Traummeile

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Dokument erstellt am 2013-11-15 16:18:11


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