Rio de Janeiro. Rodrigo Kelton hat es nicht mehr ins riesige Maracanã-Stadion geschafft. Vor knapp einem Monat beendeten vier Schüsse das Leben des 14- Jährigen. Ein paar Meter nur vom Haus seiner Mutter entfernt starb Rodrigo im Kugelhagel. Es war sein 14. Geburtstag. Eigentlich sollte er an der Weltmeisterschaft für Straßenkinder teilnehmen, die heute in Rio de Janeiro mit der offiziellen Anreise der Mannschaften aus 19 Nationen beginnt und eine Woche lang andauert. "Dieser Tod überschattet unsere Vorbereitungen", sagt Organisator Bernd Rosemeyer, Gründer und Leiter der größten brasilianischen Hilfsorganisation für Straßenkinder im Land des WM-Gastgebers.

"Rodrigo hatte es sehr schwer in seinem Leben, und die Straßenkinder-WM wäre vielleicht für ihn seine echte Chance gewesen. Wir haben gehofft, dass er nach dem Turnier in einem der professionellen Fußballteams aufgenommen werden würde", so Rosemeyer. Das Schicksal des Jungen verdeutlicht, dass der Alltag der Straßenkinder vor allem eines bedeutet: Überlebenskampf. Und oft geht dieser Kampf verloren. Rodrigo trug in der Nationalmannschaft der Straßenkinder das Trikot mit der Nummer elf - wie sein großes Vorbild, der brasilianische Nationalspieler Neymar. Der Tod ist ein ständiger Begleiter der Straßenkinder: Rivalisierende Bandenkämpfe oder "Säuberungen" in den Armenvierteln sind dafür verantwortlich.

Rosemeyer, ein Franziskaner-Pater, wollte nicht länger wegschauen. "Unsere Aufgabe ist es, Jungen bis zum Alter von zwölf Jahren von der Straße zu holen. 90 Prozent aller Straßenkinder unter zwölf Jahren sind Jungen", beschreibt Rosemeyer die Aufgabe seiner Hilfsorganisation "Kleiner Nazareno". "Unsere Streetworker helfen ihnen auf der Straße und machen sie auf ein mögliches Leben in den Nazareno-Dörfern aufmerksam." Die Straßenkinder-WM gibt Buben eine kleine Chance, vielleicht doch den Sprung aus der Perspektivlosigkeit zu schaffen. Zugelassen sind nur Jugendliche, die während des Turniers zwischen 14 und 16 Jahre alt sind und eine Zeit lang auf der Straße gelebt haben. Acht Jugendliche kommen aus Fortaleza, einer aus Recife.

Psychologische Begleitung

Veranstaltet und finanziert wird die WM von der in London ansässigen Organisation "Street Child World Cup" in Zusammenarbeit mit vielen Sponsoren. Der Deutsche Rosemeyer führt seine "brasilianische Nationalmannschaft" ins Turnier. Seit Anfang dieses Jahres treffen sich die auserwählten Jugendlichen zum Training. Geübt wird am Strand und im Nazareno-Dorf, einer Einrichtung der Hilfsorganisation. Eine Psychologin begleitet die Kinder, motiviert sie für die Zeit in Rio, aber auch die Zeit danach. Denn die Teilnahme an der WM ist für alle der Höhepunkt in ihrem noch jungen Leben. Damit sie danach nicht in ein großes Loch fallen, gibt ihnen die Psychologin Tipps. Trainer der Kinder ist ein ehemaliger Fußballprofi aus Fortaleza. Wenige Monate vor der "richtigen" WM in Brasilien dürfte den Straßenkindern die Aufmerksamkeit der internationalen Medien gewiss sein. Prominente Paten wie Pelé oder David Beckham haben Grußbotschaften geschickt.

Kleine Siege

"Die Straßenkinderweltmeisterschaft ist eine Möglichkeit, den Politikern in Brasilien und in der Welt zu zeigen, dass Kinder nicht auf die Straße gehören", sagt Rosenmeyer. Seine Organisation leistet einen kleinen Beitrag dazu. In drei Kinderdörfern in Fortaleza, Recife und Manaus nimmt Rosemeyer seit Jahren Straßenkinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren auf. Die Kinder werden dort rund um die Uhr von Erziehern und Mitarbeitern betreut und erhalten eine Schul- und Berufsausbildung. Auch die Geschwister und Eltern werden in das Konzept mit eingebunden. Wenn ein ehemaliges Kind am Ende seiner Zeit beim "Kleinen Nazareno" mit einer absolvierten Ausbildung in ein neues menschenwürdiges Leben startet, hat Rosemeyer das Spiel gewonnen. Manchmal wie im Falle des kleinen Rodrigo geht er auch als Verlierer vom Feld.