Berlin. "Diejenigen internationalen Sportler, die nach Berlin gehen, werden dort nichts anderes sein als Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr dieser Welt fühlt." Heinrich Mann, der nur wenig bekannte Bruder des berühmten Schriftstellers Thomas Mann, hatte es 1936 kommen sehen. Olympische Sommerspiele in der Reichshauptstadt? Organisiert von einem menschenverachtenden Regime und unter Ausschluss aller deutsch-jüdischen Athleten? Dies war nicht nur Willkür, sondern widersprach auch der olympischen Idee, also dem Gebot des Respekts und des Fair Play.

Manns Kritik blieb ungehört - und Deutschlands jüdische Athleten blieben von den Spielen, die am 1. August 1936 im Olympiastadion eröffnet wurden, ausgesperrt, weil es ihnen, wie Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten erklärte, an "moralischer Qualität" mangelte. Heute, 80 Jahre später, hat sich das Bild deutlich gewandelt. Ausgerechnet dort, wo einst Reichskanzler Adolf Hitler den Massen zuwinkte, werden sich ab Dienstag nicht weniger als 2500 jüdische Sportlerinnen und Sportler aus 38 Nationen tummeln. Anlass für das Spektakel, das von Bundespräsident Joachim Gauck auf dem ehemaligen "Reichssportfeld" eröffnet wird, ist das größte internationale Kräftemessen unter Juden - die europäischen Makkabispiele.

Tatsächlich haben die Spiele, die alternierend mit der Makkabiade in Israel alle vier Jahre in einer europäischen Stadt ausgerichtet werden, auf dem Kontinent bereits eine lange Tradition. Die "jüdischen olympischen Spiele" wurden erstmal 1929 in Prag veranstaltet und 1959 in Kopenhagen wieder aufgenommen. Von großer Symbolkraft waren die Makkabispiele 2011 in Wien geprägt, traten doch hier erstmals seit dem Weltkrieg wieder jüdische Athleten auf dem Gebiet des ehemaligen Dritten Reichs an. "Nicht, um in die Vergangenheit zu schauen, sondern um Sport zu betreiben, um sich die Stadt anzuschauen", wie der damalige Vize-Präsident der jüdischen Kultusgemeinde in Wien, Oskar Deutsch, betonte.

Ein ähnliches Motiv vor Augen haben in den kommenden Tagen auch die jüdischen Athleten und Athletinnen in Berlin. Auch wenn es im Vorfeld im Weltverband einige Vorbehalte - vorrangig von älteren Mitgliedern - gegen die Vergabe an Deutschland gegeben hat, so wird die Entscheidung von den meisten ausdrücklich gelobt. Geht es nach den Organisatoren, sollen die Spiele der Welt zeigen, dass jüdisches Leben in Deutschland "lebenswert und lobenswert" sei. "Jüdisches Leben hat sich hier angewurzelt, verstärkt und blüht jetzt auf", meinte etwa der Präsident von Makkabi Deutschland, Alon Meyer, kürzlich, fügte aber hinzu: "Wir haben sehr viele Leute, die sich Sorgen machen."

Freundschaftsspiel mit DFB


Und die Sorgen sind ob der angespannten politischen Lage in Nahost und der ständigen Bedrohung durch Terror und antisemitische Angriffe tatsächlich nicht unbegründet - selbst in Deutschland. Die Sicherheitsvorkehrungen sind daher enorm, die jüdischen Teilnehmer sind im besonders gesicherten Hotel Estrel in Neukölln untergebracht und werden rund um die Uhr von Polizisten begleitet. "Ich bin fest überzeugt, dass nichts geschieht", sagte der deutsche Justizminister Heiko Maas am Montag. Es seien alle Voraussetzungen geschaffen, damit die Spiele sicher ablaufen. "Wir freuen uns, dass nun 70 Jahre nach der Schoah die jüdischen Spiele in Berlin stattfinden", erklärte er.

Das zehntägige Programm der Sportveranstaltung, die am Dienstag mit der Entzündung des traditionellen Makkabifeuers eröffnet wird, bietet nicht nur Wettkämpfe, sondern auch mehrere Freundschaftsturniere zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Mannschaften. So trifft am 2. August eine Auswahl aus Ex-DFB-Kickern auf Makkabi-Spieler, am Tag darauf messen sich die Basketballer von Maccabi Tel Aviv mit Alba Berlin. Heinrich Mann wäre da wohl gern mit dabeigewesen.