Der Haaransatz ist weiter nach hinten gerückt, die Freude über Siege dieselbe geblieben. Roger Federer gewinnt immer noch. - © Wilfredo Lee/ap
Der Haaransatz ist weiter nach hinten gerückt, die Freude über Siege dieselbe geblieben. Roger Federer gewinnt immer noch. - © Wilfredo Lee/ap

Miami. (art) Roger Federer musste das Publikum und die Journalisten selbst immer wieder daran erinnern, sonst hätte niemand daran gedacht, dass er mit 35 Jahren doch, nun ja, nicht mehr zu den Allerjüngsten der Tennis-Branche zählt. Mit dem Morgen nach einem harten Tennis-Match sei es wie nach einer Partynacht, "es ist nicht mehr dasselbe, wenn man älter wird", sagte der Schweizer. Und: "Ich habe nicht mehr viel zu verlieren und muss es unbedingt genießen, wenn ich spiele. Viele Jahre bleiben mir nicht mehr." Deshalb wird er nun genießen - und pausieren. Er müsse mit seinen Kräften haushalten, werde unter Rücksichtnahme auf sein Knie die Sandplatzsaison mit Fokus auf die French Open so kurz wie möglich halten und sich danach auf Wimbledon und die Hartplatz-Veranstaltungen konzentrieren, erzählte er.

Auch wenn Federer und sein einstiger Dauerrivale Rafael Nadal, der ihm im Finale des Masters-1000-Turniers in Miami mit 3:6, 4:6 unterlag, spielerisch gerade die Zeit zurückzudrehen scheinen, wie in ihren besten Jahren agieren und Leichtigkeit sowie Selbstvertrauen wiedererlangt haben, wird Federer den Teufel tun und seine Marschroute ändern, um nur ja so viele Punkte wie möglich einzusammeln. Der Preis körperlicher Verschleißerscheinungen wäre zu groß, zudem ist der einstige Branchenprimus in einer komfortablen Situation, wobei ihm ironischerweise seine Probleme vom Vorjahr nun nachträglich zu Gute kommen. Weil er im vergangenen Jahr Roland Garros wegen Rückenbeschwerden auslassen musste und nach dem verlorenen Wimbledon-Halbfinale wegen einer Knieverletzung gar nicht mehr auf der Tour antreten konnte, kann er heuer in der Weltranglistenarithmetik, vorausgesetzt er behält seine Form bei, nur noch gewinnen. Schon nach dem Turnier in Key Biscayne hat er zwei weitere Plätze gut gemacht und liegt als neuer Vierter nur noch 480 Punkte hinter seinem Landsmann Stan Wawrinka. Die beiden davor placierten Andy Murray und Novak Djoković sind zwar noch weit weg, aber zur Zeit körperlich nicht voll auf der Höhe. Federer wiederum hat in der restlichen Saison nur noch 1260 Punkte zu verteidigen, er kann sich wohlkalkulierte Pausen also leichter leisten als die anderen.

"Möchte nur gesund bleiben"


Die Frage, ob es sein Ziel sei, auch formal wieder der beste Tennisspieler der Welt zu sein - in der Jahresrangliste ist er dies derzeit mit einigem Abstand auf Nadal -, kam auch mit Blick auf die Statistik beinahe zwingend auf. Schließlich hat Federer heuer von 20 Spielen 19 für sich entschieden, mit den Australian Open und dem Sunshine Double aus den Masters-1000-Siegen in Indian Wells und Miami die drei größten Turniere in dieser Saisonphase gewonnen und noch jedes Jahr als Nummer eins abgeschlossen, in das er so gut gestartet war. Bei der Beantwortung vermied er eine Kampfansage an die Kollegen, er sagte lediglich: "Ich möchte einfach nur gesund bleiben. Wenn ich gesund bin und mich gut fühle, kann ich Tennis wie dieses zeigen." Natürlich wäre es "großartig", wieder Nummer eins zu werden, "aber es ist ein langer Weg".

Einen weiteren Schritt hat er in Miami getan, hier, wo er 2004 zum ersten Mal gegen den damals 17-jährigen Rafael Nadal gespielt (und verloren) hat und die epische Rivalität mit dem Mallorquiner begonnen hat; hier, wo er im Jahr darauf erstmals den Titel gewonnen und ein weiteres Jahr später das Triple aus Australian Open, Indian Wells und Key Biscayne geholt hat. "So wie Federer spielt, scheint es 2006 zu sein", konstatierte auch die "New York Times". Das Alter ist halt am Ende doch nur eine Zahl.