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Update: 18.05.2017, 11:02 Uhr

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Der menschliche Polarbär




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Brüchiges Eis

Nach 18 Minuten und 50 Sekunden ist er am Ziel: "Du hast es geschafft, Lewis! Du hast es gegen die Strömung geschafft." Jubel im 29-köpfigen Team "optimistischer Realisten" wie Pugh jene Menschen bezeichnet, mit denen er sich umgibt: "Ich brauche keine Tagträumer und auch keine Pessimisten." Laut Pugh werden große Teile der Arktis schon im nächsten Jahrhundert eisfrei sein. Seine eindringliche Botschaft: "Man muss sich vorstellen, dass in nur zwei Jahren 23 Prozent des arktischen Meereises einfach weggeschmolzen sind. Es ist ein Ort, der eigentlich komplett zugefroren sein sollte, aber momentan taut es sehr schnell."

Der Auslöser

Deception Island, südliche Shetlandinseln, antarktische Halbinsel, im Jahr 2005. Pugh schwimmt in 30 Minuten und 30 Sekunden 1,6 Kilometer in einem zwei Grad Celsius kalten Wasser und erlebt etwas völlig Surreales: Er sieht unter Wasser hunderte von Walknochen, aufgetürmt in der Nähe der ehemaligen norwegischen Walfangstation. Er berührt sie bei fast jedem Kraulschlag, da er sich teilweise in recht seichtem Wasser bewegt. Diese Bilder brennen sich in seinem Kopf ein, lassen ihn innerlich rebellieren. Dieses Erlebnis sei ein Wendepunkt in seinem Leben gewesen: "Seither weiß ich mit Gewissheit, dass es meine Bestimmung ist, ein ‚Advokat der Ozeane‘ zu sein und mit meinen symbolischen Schwimmen Aufmerksamkeit für den Klimawandel zu erregen."

Im Jahr 2006 absolviert er den "Heiligen Gral" des Schwimmens: Er ist bisher als einziger Mensch in allen fünf Weltmeeren Langstrecke geschwommen: im Atlantischen, Arktischen, Südlichen, Indischen und Pazifischen Ozean. Der Brite hat im Wasser mehr Erstumrundungen berühmter Gebiete absolviert als je ein Schwimmer vor ihm. Er hat alles abgeschwommen, wo man schwimmen kann und wo normalerweise nie ein Mensch hinkommt, und kann ein verlässliches Zeugnis der Veränderung der Ozeane ablegen. "In weiten Teilen gibt es wegen Überfischung nichts mehr", sagt Pugh. "Ich bin oft vier Wochen geschwommen und habe keinen Fisch gesehen, der länger als 30 Zentimeter war. Nicht einmal einen Wal oder Hai. Es findet kein Genozid, sondern ein Ökozid statt."

Bewusstseinsveränderung

"Die Welt muss einen völligen U-Turn einschlagen", davon ist Pugh überzeugt. "Es gibt viele neue Schlachtfelder. Eines davon sind die schmelzenden Gletscher." Ein Schwimmen im Gletschersee am Mount Everest lehrt ihm im Jahr 2010 Zweierlei über die Beurteilung von Dingen und Taktik. Am höchsten Berg der Welt auf 5300 Meter geht der Kaltwasserschwimmer in den erst kürzlich durch Gletschereis entstandenen Imja See. Dort oben, wo nicht einmal mehr Fische schwimmen und der Sauerstoff knapp ist, erlebt er einen gefährlichen Cocktail. Pugh versucht kraulend, so aggressiv wie möglich das Eiswasser zu durchschwimmen. Er scheitert, sinkt auf den Boden, stößt sich ab und schleppt sich ans Ufer.

Rückblickend weiß er, warum: "Es war die falsche Strategie. Ich musste sie radikal ändern. Zwei Tage später habe ich es wieder versucht, dieses Mal mit Zuversicht und inneren Frieden." Er schwimmt ganz langsam Brust und schafft die Vorgabe. "Ich habe daraus gelernt, dass Bewährtes aus der Vergangenheit oft nicht in der Zukunft funktioniert." Und die Taktik: "Für eine neue Herausforderung brauche ich eine neue Denkweise: Wir müssen unser Verhältnis zur Umwelt grundlegend ändern. Wie können wir sonst sicherstellen, dass unsere Kinder zumindest eine Chance haben, in einer zukunftsfähigen Welt zu leben? Die warnenden Signale sind bereits überall."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-04-06 13:48:05
Letzte Änderung am 2017-05-18 11:02:59


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