• vom 05.02.2018, 07:36 Uhr

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Update: 05.02.2018, 08:11 Uhr

Super Bowl

Wenn Adler Patrioten rupfen




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Von Klaus Stimeder

  • Wahnsinn siegt über Methode: Die Philadelphia Eagles triumphieren über die New England Patriots.

Nick Foles von den Eagles war der Mann der Stunde.

Nick Foles von den Eagles war der Mann der Stunde.© APAweb, ap, att Slocum Nick Foles von den Eagles war der Mann der Stunde.© APAweb, ap, att Slocum

Los Angeles/Minneapolis – Normalerweise so: Es sind noch ein bisschen über zwei Minuten zu spielen und die New England Patriots liegen zwischen drei und sechs Punkte hinten, aber sie haben das Ei. Sie beginnen ganz hinten in der eigenen Hälfte. Quarterback Tom Brady wirft, einer seiner Mitspieler fängt, First Down. Das ganze wiederholt sich drei- bis viermal, bis die Patriots tief in die Red Zone eingedrungen sind, wo es nur mehr ein paar Yards, sprich Meter, zum Glück sind. Es sind nur mehr ein paar Sekunden zu spielen, alle Time-Outs sind aufgebraucht. Diesmal braucht Brady zwei, drei Versuche, um einen seiner Wide Receiver zu finden beziehungsweise, und in diesen Situationen bevorzugt, Tight End Rob Gronkowski. Dann fliegt der Ball und findet irgendwie seinen Weg in die Arme eines Weiß-Blauen und dann ist die Super Bowl aus und die New England Patriots haben gewonnen. Normalerweise, aber keine Regel ohne Ausnahme.

Nämliche trat so unverhofft wie sensationell am Sonntagabend im US Bank Stadium zu Minneapolis ein. Die Philadelphia Eagles haben die New England Patriots besiegt, der Endstand der 52. Super Bowl aller Zeiten lautete 41-33 zu ihren Gunsten. Eine schiere Unglaublichkeit und das nicht nur, weil die Männer aus der sogenannten Stadt der brüderlichen Liebe als respektierter, aber krasser Außenseiter ins Endspiel um die nordamerikanische Weltmeisterschaft im Football gegangen waren. Bei dem Erfolg handelte es sich um den ersten Super Bowl-Sieg überhaupt für Philadelphia; seit deren Einführung im Rahmen der Zusammenführung von American Football League und National Football League im Jahr 1967 hatten es die Adler noch nie geschafft, am Ende als Sieger dazustehen.

Zu verdanken haben sie das allen voran ihrem Quarterback Nick Foles und seinen Beschützern. Der 29-Jährige komplettierte am Sonntag eine ganz reale Cinderella-Story, welche selbst die des fiktiven Philadelphia-Sportidols Rocky Balboa in den Schatten stellt. Bis zum Ende der regulären Saison hatte Foles als Ersatzmann hinter Carson Wentz gedient, dem Stamm-Ballverteiler der Eagles. Weil sich der aber kurz vor den Play-Offs das Kreuzband riss, fiel die Last der Verantwortung von heute auf morgen auf Foles' Schultern. Wie sich auch am Gridiron von Minnapolis wieder erwies, wird er ihr seitdem nicht nur gerecht: Der Super Bowl-Debütant tanzte und sprang und warf, als ob ihm das Brimborium, das mit der Veranstaltung einhergeht, aber sowas von wurscht sei.

Weder die Kulisse (67.000 Zuschauer vor Ort, rund 100 Millionen an den Bildschirmen) noch die ungleich erfahreneren Gegner, noch der lebendige Halbzeit-Unterhalter Justin Timberlake noch der tote Prince konnten ihm und seiner Offensive Line an diesem Abend etwas anhaben. Am Ende wies die Spielstatistik in der Rubrik "Sacks" – diese hält fest, wie oft die gegnerische Defensive des Quarterbacks samt Ball habhaft wurde – die Zahl null auf. Quasi unerhört, aber das machte den Underdog-Sieg über die außerhalb des Großraums Bostons eher nicht so beliebten, bekennenden Donald Trump-Grossspender Brady, Bill Belichik (Head Coach) und Robert Kraft (Teambesitzer) nur noch schöner. Wiewohl er gegen Ende der Partie auf Messers Schneide stand und eigentlich alle Zeichen darauf standen, dass das Spiel doch noch den normalen Gang der Dinge gehen würde, sprich im Sinne der Patriots.

Die Uhr im Stadion von Minneapolis zeigte eine verbleibende Spielzeit von 2:21, als Tom Brady zum letzten Mal an diesem Tag den langen Weg in die gegnerische End Zone antrat. Alles lief wie gewohnt, erster Wurf gelungen, First Down. Der Marsch der Patrioten feldabwärts schien quasi unaufhaltbar, allen beherzten Kampfes der Eagles zum Trotz.

In die Augen der Philadelphia-Fans stand die bloße Angst geschrieben. Eine Wiederholung der Super Bowl LI vor einem Jahr, in der die Patriots buchstäblich in letzter Sekunde die Atlanta Falcons in die Verlängerung zwangen und sie dann bogen, schien programmiert. Aber nur zwölf Sekunden später die alles entscheidende Szene: Brady fängt den Snap, richtet den Wurf an, aber da kommt aus dem Nichts der mächtige Defensive End Brandon Graham daher und haut ihm mir nichts dir nichts das Ei aus der Hand und sein Mitspieler, der gute Derek Barnett, fängt ihn auch noch auf. Fumble Recovery, die sich anbahnende Sensation schien besiegelt, aber nur fast.

Nicht, dass die Ewigkeit nicht doch noch ein wenig gedauert hätte. Nur Zentimeter fehlten darauf, dass Bradys letzter Pass auf den in der End Zone lauernden Gronkowski ankam; aber weil die Eagles-Offensive auch in der Schlusssekunde die Konzentration behielt, blieb es dabei: Philadelphia 41, New England 33, Schluss, aus, basta. Noch am Abend wurden daheim in Philly Stimmen laut, Nick Foles und Doug Pederson eine Statue zu bauen. Letzterer hat als Chefcoach ein für allemal bewiesen, dass er sich vor den Größen der Branche ebenso wenig zu verstecken braucht wie es seine Mannschaft an diesem Abend vor den hoch favorisierten Patriots tat. Rocky Balboa hat als Symbol des Underdogs, dass sie in Philadelphia seit jeher so lieben und pflegen, ein für allemal ausgedient.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-02-05 07:37:01
Letzte Änderung am 2018-02-05 08:11:25


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