Monte Zoncolan/Bardonecchia. Wenn die Hubschrauber kommen, dann ist es bald so weit. Dann hat das Warten ein Ende. Der Lärm der dumpf flatternden Rotoren kündet den Fans, dass der Giro-Tross am Fuß des Monte Zoncolan angekommen ist. Höchstens eine halbe Stunde wird es noch dauern, bis die Spitzengruppe da ist. Als Erstes taucht der höher fliegende Helikopter auf. Unüberhörbar zieht er weit über dem Berg seine Bahnen und versorgt das Fernsehpublikum mit den Bildern der Umgebung, in diesem Fall den Bergen und Tälern der Friulanischen Alpen. Und er liefert die spektakulären Luftaufnahmen des Schlussanstiegs, vom naturgemachten Amphitheater des Zielhangs, auf dem sich Zehntausende niedergelassen haben, bereit, ihre Idole aus vollen Kehlen die letzten Kehren zum Ziel hinauf anzufeuern.

Nachdem er zuletzt 2014 befahren wurde, führte die 14. Etappe, eine der beiden Königsetappen des Giro 2018, am vergangenen Samstag wieder auf den Monte Zoncolan. Die Straße auf den Zoncolan beeindruckt weniger mit der Höhe ihres Endpunktes (1720 Meter) als durch seine Steilheit. Vom Bergdorf in IIlaris bis zum Gipfelplateau beträgt die durchschnittliche Steigung auf einer Strecke von acht Kilometern 14 Prozent. Über fünf Kilometer sind es sogar knapp 16 Prozent. Die Steigungsmaxima betragen 20 Prozent beziehungsweise 22 Prozent. Im gesamten Radsportzirkus, so sagt man, wird kein steilerer Anstieg befahren. Kein Wunder, dass der Monte Zoncolan selbst in Italien "Kaiser" genannt wird. Andere nennen ihn schlicht die Bestie.

Schon seit Stunden strömen die radsportbegeisterten Massen auf den Berg. Wie immer, wenn der Giro Station macht, ist halb Italien auf den Beinen - und auf den Rädern. Jeder will die Asse sehen, will mit eigenen Augen erlebt haben, wie sie mit dem unmenschlich steilen Anstieg zurechtkommen. Zuvor hat aber jeder selbst noch seine persönliche Rechnung mit dem Zoncolan zu begleichen. Es ist eine Völkerwanderung auf zwei Rädern, die hier stattfindet. Zu Tausenden wuchten sich die Hobbyradler den Berg hinauf, jung und alt, Frauen und Männer. Geschwitzt wird auf Rennrädern, Mountainbikes, E-Bikes und Tourenrädern, mit und ohne Gepäck. Auch ein als Koch verkleideter Radsportnarr kämpft sich mit seinem vollbepackten Tourenrad und unter dem Jubel der Zuschauer nach oben. Viele sind teilweise so langsam unterwegs, dass sie von Fußgehern überholt werden. Wer nicht mehr kann, schiebt. Die Stimmung ist aufgeladen und ausgelassen wie bei einem Volksfest. Die Vorfreude auf das Auftauchen der Stars ist spürbar, und mit Fortdauer des Nachmittags steigt die Spannung.