• vom 07.09.2018, 18:31 Uhr

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Von Klaus Stimeder

  • Die NFL nimmt wieder den Vollbetrieb auf - samt alten Kontroversen und neuen Regeln.

Die Werbung des Anstoßes: NFL-Ausrüster Nike plakatiert ausgerechnet Colin Kaepernick.

Die Werbung des Anstoßes: NFL-Ausrüster Nike plakatiert ausgerechnet Colin Kaepernick.© ap/Risberg Die Werbung des Anstoßes: NFL-Ausrüster Nike plakatiert ausgerechnet Colin Kaepernick.© ap/Risberg

Los Angeles. Einfach nur tun, verdammt seien alle Konsequenzen. Eines muss man Nike lassen: Die Firma aus dem beschaulichen Beaverton, Oregon, hält sich bis heute an die von ihr populär gemachte Philosophie, die sie zu einem milliardenschweren, globalen Sportartikelkonzern gemacht hat. Von allen möglichen Kandidaten ausgerechnet einen arbeitslosen Menschenrechtsaktivisten zu ihrem Hauptwerbeträger für die dieses Wochenende in die Gänge kommende NFL-Spielzeit 2018/19 zu machen, dazu gehören, wie es so schön heißt, Eier; und im Amerika des Donald Trump keine kleinen. (Offiziell feierte die neue Saison Donnerstagabend Premiere - die Philadelphia Eagles, ihres Zeichens amtierende Super-Bowl-Champions, siegten 18:12 über die Atlanta Falcons.)

Colin Kaepernick hat sich seinen Platz in der US-Sport- wie Sozialgeschichte längst gesichert. Seit sich der Ex-Quarterback der San Francisco 49ers vor zwei Jahren das erste Mal, während vor einem Spiel die Nationalhymne erklang, hinkniete, um gegen Polizeibrutalität und Rassismus zu protestieren, ist er zur Ikone des Widerstands gegen Trumps Vision des Landes geworden. Ein Status, der dem 30-Jährigen bis heute viel Zuspruch, aber auch so viel offenen wie verhüllten Hass einbringt. Vom Klub der 32 Teambesitzer, mit einer einzigen Ausnahme (Shahid Khan, der pakistanischstämmige Chef der Jacksonville Jaguars) alles weiße, ältere Herrschaften und teils glühende Trump-Fans (wie Jerry Jones, Dallas Cowboys), wird er trotz seiner unbestrittenen sportlichen Qualitäten geschmäht. Nikes Antwort auf diese Politik, die anlässlich der Saisoneröffnung in großem Stil über Funk, Fernsehen und Online verbreitet wird: Kaepernicks Kopf, versehen mit dem Merkspruch: "Glaub an etwas. Auch wenn es bedeutet, dafür alles zu opfern."


Die Reaktionen auf die beispiellose Kampagne ließen nicht lange auf sich warten. Vom orangen Mann im Weißen Haus abwärts ereifert sich von rechtsradikal bis konservativ alles, was in den USA Rang und Namen hat. Der in den vergangenen Jahren in puncto Coolness-Faktor etwas eingerosteten Marke Nike beschert es gleichzeitig jene Art von Aufmerksamkeit, die kaum mit Geld aufzuwiegen ist - und ist angesichts des enormen politischen Gegenwinds trotzdem keine Kleinigkeit. Kaepernick wird wohl nie wieder am Gridiron herumlaufen, er kann sich immerhin damit trösten, dass das soundso gesünder für seinen Kopf ist.

Um diesen beziehungsweise den besonderen Schutz, der diesem Körperteil nunmehr in der NFL zukommen soll, drehte sich in der Pre-Season alles und das äußerst kontroversiell. Sogenannte "Low Tackles" mit eingezogenen Kopf voran, eine bisher bewährte Methode von Offense wie Defense, soll ab heuer Geschichte sein. Die Schiris sind von Commissioner Roger Goddell angewiesen, den erwiesenermaßen katastrophalen Langzeitfolgen des Football-Sports Einhalt zu gebieten. In der Praxis erweist sich dieses noble Ansinnen indes als enorm schwierig in der Umsetzung. Das Konzept "Unneccessary Roughness" lag schon bisher zum Gutteil im Auge des Betrachters. In einem Sport, in dem es zum normalen Umgang gehört, dorthin zu gehen, wo’s wehtut - und das nicht einmal, sondern über die gesamte Spielzeit von 60 Minuten -, lässt sich freilich die Grenze zwischen legitimer Feindabwehr und absichtlicher Gesundheitsgefährdung kaum ziehen.

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Dokument erstellt am 2018-09-07 16:15:01


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