Pyeongchang/Gangneung. Wo noch vor einem Jahr Matthias Mayer die Goldmedaille im Super-G abgeräumt hat, schneidet sich nun eine felsige Mondlandschaft in den Berg: Der Sessellift an der Jeongseon-Aplinabfahrt schaut aus wie neu, doch steht tatsächlich seit Monaten still. Schnee ist nicht einmal am Gipfel zu erkennen. Mit vereinzelten Sträuchern holt sich die Natur allmählich zurück, was ihr einst genommen wurde. Die Talsohle der Piste wird von Stacheldraht abgesperrt, ein provisorischer Baucontainer versperrt die Einfahrt. Rote Graffiti prangen an den Wänden: "Wir kämpfen für unser Olympia-Erbe!", steht dort geschrieben. Drinnen sitzen eine Handvoll Landwirte bei Pulverkaffee und Reisschnaps, eine mobile Gasheizung kämpft gegen die zweistelligen Minusgrade an. "Die Regierung hatte uns Anwohner einen wirtschaftlichen Aufschwung versprochen, doch nach den Olympischen Spielen hat sich nichts verändert", sagt der Landwirt Kim Jin-pyo.

Die ersten koreanischen Winterspiele werden zweifelsohne in die Geschichtsbücher als historische Friedensspiele eingehen, die die zwei Koreas sportdiplomatisch nähergebracht haben. Während der Eröffnungszeremonie am 9. Februar sind die Athleten aus Nord und Süd unter gemeinsamer Flagge eingelaufen, während die Schwester von Kim Jong-un von der Tribüne aus gewunken hat. Das Damen-Eishockey-Team Südkoreas hat gar kurzerhand nordkoreanische Spielerinnen in ihre Mannschaft aufgenommen. Die Olympischen Spiele bauten Vertrauen zwischen den zwei sich offiziell noch immer im Krieg befindlichen Ländern auf. Politisch ist die Vision "symbolischer Friedensspiele" von Präsident Moon Jae-in also aufgegangen.

Für Ski-Verleiher Kim Yang-seob hat sich "eigentlich nichts verändert", wie er sagt. - © F. Kretschmer
Für Ski-Verleiher Kim Yang-seob hat sich "eigentlich nichts verändert", wie er sagt. - © F. Kretschmer

Bei den Bürgern jedoch zeigt sich ein ambivalentes Bild über das Vermächtnis von Pyeongchang. Der Fall der Jeongseon-Abfahrt verdeutlicht dies am drastischsten: Bereits im Vorfeld der Spiele hatte der Bau der Piste für eine große Kontroverse gesorgt. Pistenarchitekt Bernhard Russi benötigte knapp 30 Helikopterflüge über das Taebaek-Gebirge, um einen Berghang auszukundschaften, der die erforderlichen 800 Höhenmeter vom Tal bis zum Scheitel erfüllt. Jedoch führte die gefundene Strecke ausgerechnet durch eines der ältesten Waldstücke Südkoreas. 60.000 Bäume wurden für die Skifahrer abgeholzt - jedoch mit dem Versprechen der Regierung, die Piste nach den Spielen wieder aufzupflanzen.

Die Entscheidung über die Nutzung der Piste ist noch offen

"Im Vorhinein hatten wir die Piste nicht gewollt, viele von uns mussten schließlich für den Bau unsere Häuser umsiedeln", sagt Landwirt Kim, ein Mann mit sonnengegerbter Haut, getönter Brille und grauem Norweger-Pulli: "Doch nun, wo die Umweltzerstörung nun einmal geschehen ist, sollten wir die vorhandenen Strukturen auch sinnvoll nutzen. Wir hoffen, hier einen Wintersport-Boom zu kreieren." Die anderen Männer stimmen lautstark zu.