Wien. (may) Es war wohl der mühsamste Bewerbungsprozess in der Geschichte der Olympischen Spiele: Fast ein Dutzend Regionen hatten sich weltweit für die Ausrichtung der Winterspiele 2026 interessiert, aber dann - meist wegen Widerstands der eigenen Bevölkerung gegen die befürchtete Gigantomanie der Spiele - die Segel streichen müssen. Außer München, Calgary, Sapporo und Sion stiegen auch Österreichs Anwärter Innsbruck/Tirol und Graz/Schladming noch rechtzeitig vor der heißen Phase der Entscheidung aus. Und so wurde es am Ende die norditalienische Bewerbung Mailand/Cortina, die die Spiele zurück zu den Alpen - und damit "zurück zu den Wurzeln" bringen wird, wie IOC-Präsident Thomas Bach eindeutig zweideutig erklärte. Nach den umstrittenen Winterspielen 2014 in Sotschi und 2018 in Pyeongchang sowie den noch zweifelhafteren 2022 in Peking kommt die olympische Familie jedenfalls wieder in einer klassischen Wintersportregion mit kurzen Wegen und vorhandener Wettkampf-Infrastruktur an.

Und angesichts der Vorgeschichte mutet es fast schon überraschend an, wie die Entscheidung der IOC-Granden am Montagabend (als sich Mailand gegen Stockholm durchsetzte) in der Siegerregion aufgenommen wurde: Im Wintersportort Cortina - 1956 schon Olympia-Schauplatz (Stichwort Toni Sailer) - läuteten nach der Bekanntgabe gar die Kirchturmglocken, und die Bewohner sangen die italienische Hymne.

Mailands Bürgermeister Giuseppe Sala wiederum strahlte und jubelte: "Das ist großartig für die Stadt und wichtig für das ganze Land. Bellissimo!" Und die Mailänder Zeitung "Corriere della Sera" schrieb: "Nach Jahren der Enttäuschungen, des Streits und der Niederlagen ist Italien am Montag, dem 24. Juni, um 18.04 wieder olympisch geworden." Die "Gazzetta dello Sport" sah gar ein "italienisches Wunder": "Unglaublich, Brüder und Schwestern: Italien ist wieder erwacht." Tatsächlich war es genau diese in entwickelten Demokratien längst rar gewordene Euphorie für die fünf Ringe, die den Ausschlag gegeben hat. "Der Unterschied war die große Differenz in der öffentlichen Zustimmung für die Spiele mit 83Prozent in Italien und 55 Prozent in Stockholm. Das war ein klares Signal", meinte IOC-Präsident Thomas Bach zum Wahlausgang. Letztlich fiel das Votum der IOC-Vollversammlung in Lausanne mit 47:34-Stimmen eindeutig aus.

Stockholm erntete jedoch wie Mailand großes Lob dafür, die erstmals voll wirksame IOC-Reformagenda 2020 - Stichwort schlankere Spiele - in ihren Konzepten umgesetzt zu haben. "Stockholm und Aare sowie Mailand und Cortina haben uns das gegeben, wonach wir gefragt haben: Spiele, die vollständig auf die olympische Agenda 2020 abgestimmt sind, mit bahnbrechenden Reformen das Bewerbungsverfahren neu zu gestalten", erklärte Octavian Morariu, Vorsitzender der Evaluierungskommission. Das IOC habe bei den Städten eine Kostenreduzierung im Vergleich zu vorherigen Spielen und unter anderem die Nachhaltigkeit durch die maximale Nutzung existierender oder nur temporär gebauter Sportstätten angemahnt.