Tokio. Wer dieser Tage durch die größte Metropole der Welt spaziert, stolpert zunächst über einen fast provinziellen Stolz. Nach Sonnenuntergang strahlt er in den Farben der olympischen Ringe vom Skytree, dem mit 634 Metern höchsten Fernsehturm des Planeten. In Form von Plakaten hängt er alle paar Meter an Tunnelwänden der Station Shinjuku, dem weltweit größten Bahnhof. Und an der Straßenkreuzung von Shibuya, die stärker frequentiert ist als jede andere, sind die hallenden Werbesprüche auch nicht zu überhören. Jeder hier hat es mitbekommen: Nur noch ein Jahr warten, dann beginnen in Tokio die Olympischen Spiele, die größte Sportveranstaltung der Welt.

Und glaubt man den Ankündigungen, dann werden mal wieder Superlative erreicht. Angesichts autonomer Taxis, Serviceroboter an den Wettkampfstätten und neuer Übersetzungssoftware mögen Besucher der japanischen Hauptstadt ab dem 24. Juli 2020, wenn das olympische Feuer brennt, den futuristischsten Austragungsort der Geschichte erleben. Zugleich einen der jungdynamischsten: Schließlich stoßen mit Baseball, Klettern, Karate, Surfen und Skateboarden gleich fünf neue Sportarten zum olympischen Programm, die vor allem den globalen Nachwuchs begeistern sollen. Auf der Zielgerade mimt der Gastgeber größtmögliche Souveränität. Schon jetzt seien rund 90 Prozent der Baustellen fertiggestellt, hieß es Anfang Juli. Als Vertreter des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) im Mai Tokio besuchten, lobten diese wieder einmal den Fortschritt bei allen Vorkehrungen. IOC-Präsident Thomas Bach schwärmte schon im vergangenen Jahr, er erinnere sich an keine Stadt, die je besser vorbereitet gewesen wäre. "Exzellente Olympische Spiele" werden erwartet. Alles unter Kontrolle, so scheint es.

Ein Jahr vor Beginn des zweiwöchigen Spektakels ist es Masa Takayas oberste Aufgabe, dieses Bild zu wahren. An einem Nachmittag Anfang Juli steht der Sprecher des Organisationskomitees am Fenster eines Hochhauses in Tokios Hafengegend und überblickt die fast fertigen Baustellen des olympischen Viertels. "Es sollen Spiele für alle werden", sagt Takaya mit konzentrierten Augen. "Alle sollen profitieren." Nur wenn das erreicht sei, könne man von gelungenen Spielen sprechen. Das klingt ehrbar. Aber angesichts der sich häufenden Probleme auch vorgestanzt. Takaya, ein drahtiger Hobbytriathlet in weißem Hemd, wirkt distanziert, von seinem Job gezeichnet. Seit Jahren muss er geradestehen, wenn die Presse unangenehme Fragen stellt. Und peinlicherweise gibt es davon in Tokio mittlerweile viele, obwohl die Stadt sich in ihrer Bewerbung doch als besonders seriös und vertrauenswürdig präsentiert hatte.