Schulden für Generationen

So ermittelt die französische Staatsanwaltschaft seit drei Jahren gegen Tsunekazu Takeda, der das Bewerbungsteam anführte und trotz allem noch bis Ende Juni Vorsitzender des Japanischen Olympischen Komitees (JOC) blieb. Takeda wird des Stimmenkaufs im Zuge der Vergabe der 2020er Spiele verdächtigt. Und Korruptionsvorwürfe sind längst nicht das einzige Problem der Organisatoren. Hinzu kommen überbordende Kosten. Zu Beginn der Planungen waren noch 6,6 Milliarden US-Dollar veranschlagt, von denen - so betonte man gern - kein Cent zu Lasten des Steuerzahlers gehen sollte. Dann kam vor drei Jahren eine von Tokios Bürgermeisterin Yuriko Koike einberufene Expertenkommission zu einer Schätzung von bis zu 30 Milliarden - und die steuerfinanzierte öffentliche Hand würde sehr wohl belastet. Weil Japans Staatsverschuldung schon heute bei mehr als 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts liegt, müssten sich wohl ganze Generationen an der olympischen Last abarbeiten.

Kann von derart teuren Spielen wirklich jeder profitieren? Im Büroturm über den Baustellen rückt Masa Takaya sein Hemd zurecht und sucht nach Worten. "Viele der Anlagen wurden schon 1964 verwendet und werden nun modernisiert. Nach den damaligen Spielen haben sie bis heute ein halbes Jahrhundert lang die Leben der Menschen bereichert. Und wir sind sicher, dass die Leute, alt wie jung, jetzt wieder den Wert der Olympischen Spiele erkennen werden." Zur Kostenfrage sagt Takaya: "Wir denken weiterhin, dass für die Kosten der Spiele kein Steuergeld verwendet wird. Die werden über Sponsoren finanziert. Für die Erneuerungen der Stadien wird zwar Steuergeld benötigt. Aber solche Arbeiten sehen wir nicht als Kosten, sondern als Investitionen, von denen Tokio noch lange zehren wird." Auch wenn es sich dabei um Anlagen für in Japan kaum betriebene Sportarten wie Kanu oder Reiten handle, könnten so doch Folgegeneration inspiriert werden. Dem jetzigen Bauboom werde ein Sportboom folgen.

Nur haben, ehe an einen Sportboom gedacht werden kann, schon die olympischen Baustellen ihre Schattenseiten. Im Mai veröffentlichte der Gewerkschaftsbund Bau- und Holzarbeiterinternationale (BWI) einen erschreckenden Bericht. Demnach müssen Arbeiter bis zu 28 Tage ohne Pause antreten, die Hälfte von ihnen ohne schriftlichen Vertrag. Sicherheitskleidung müssten einige Arbeiter selbst bezahlen.

Eile und Angst

Tokio hat, das zeigt sich an einem Abend Anfang Juli, eine ganze Branche enttäuscht. Im Westen der Stadt trifft eine Handvoll Bauarbeiter in den Räumen der Gewerkschaft Zenkensoren zusammen, um sich über den Alltag auf den olympischen Baustellen auszutauschen. Die meisten von ihnen sind über 60 Jahre alt. Sie arbeiten noch, weil ihre Pension allein nicht zur Erhaltung ihres Lebensstandards reicht. Und weil sie angesichts des Arbeitskräftemangels in Japans alternder Gesellschaft gebraucht werden. Doch hier, in einem Großraumbüro mit grellem Licht, grauen Tischen und vielen Akten aus Papier, wirkt es nicht so, als würden diese Arbeiter so behandelt, als wären sie unverzichtbar. Ein 62-jähriger Mann, der das olympische Dorf mitaufbaut, verschränkt seine Arme: "Vor fünf Jahren haben sie uns versprochen, dass es einen Boom geben wird. Aber die Löhne sind immer noch so niedrig wie vorher." Weil alles schneller gehen müsse, sei man ständig in Eile. "Wir arbeiten wie am Fließband. Selbst wenn es regnet, sollen wir Zement auftragen, obwohl man das nicht tun sollte." Ein 71-Jähriger, der am Tisch gegenübersitzt, habe manchmal Angst: "An der Anlage für den Segelwettbewerb hat sich letztens eine Sicherheitsstange gelöst und ist aus ein paar Metern Höhe runtergefallen. Aber wenn ich so etwas den Vorgesetzten berichte, heißt es nur, ich soll weiterarbeiten." Wenn die Spiele beginnen, sagt er, werde er nicht zuschauen. "Ich war mal stolz darauf, dass ich mitarbeite. Aber jetzt bin ich nur sauer." Organisationssprecher Masa Takaya, sagt zu den Vorwürfen: "Wir haben eine Anfrage an BWI geschickt, um mehr Details zu erfahren." Nur habe man bisher keine Antwort erhalten. Doch Munekazu Nara, der Generalsekretär von Zenkensoren ist und auch am Report mitgewirkt hat, sagt am Abend im Gewerkschaftsgebäude: "Ende Mai hat BWI auf die Anfrage hin eine Mail an die Olympiaorganisatoren geschickt. Darin boten wir an, uns gemeinsam an einen Tisch zu setzen und alle Evidenz zu besprechen. Aber darauf kam bis heute keine Reaktion." Nara, ebenfalls ein älterer Herr, erklärt sich das Schweigen so: "Leider sind Gewerkschaften in Japan nicht so einflussreich wie in Europa."

In anderen Worten: Die Organisatoren nehmen die Situation der Arbeiter gar nicht ernst. Senken sich durch die laxe Handhabe der Baustellen wenigstens die Gesamtkosten? An einem anderen Tag ist Shinichi Ueyama am Telefon. Ueyama ist Professor für öffentliche Verwaltung an der renommierten Keiko Universität und saß der Expertenkommission vor, die die horrende Kostenschätzung aufstellte. Halbwegs zufrieden berichtet er: "Mit unseren Empfehlungen konnten wir das erwartete Budget auf 20 Milliarden US-Dollar reduzieren. Am meisten Einsparungen wurden durch die verkleinerte Kapazität der Schwimmhalle und auf den Baustellen erreicht." Wird der Steuerzahler also einigermaßen verschont? Am anderen Ende der Leitung ist ein Lachen zu hören. "Daran glaubt niemand." Ob er sich trotz allem auf die Spiele freut? Einen Moment Schweigen. "Ich schaue schon gern Sport", sagt er dann. Aber ob eine so gut ausgestattete Weltstadt wie Tokio wirklich diese neuen, teuren Anlagen brauche? Da sei er sich nicht so sicher.