Kehrtwende beim IOC: Das Internationale Olympische Komitee denkt unter dem Eindruck der Virus-Krise nun doch an eine Verschiebung der Sommerspiele in Tokio. Eine Entscheidung solle innerhalb der nächsten vier Wochen fallen, teilte das IOC am Sonntagabend nach einer Krisensitzung mit. Zu den Szenarien, die bis dahin diskutiert werden sollen, gehört ausdrücklich auch eine Verschiebung der Olympischen Sommerspiele, die am 24. Juli beginnen und bis 9. August 2020 dauern sollen. Eine ersatzlose Streichung stehe aber nicht zur Debatte. Sie würde niemandem nutzen und keine Probleme lösen, betonte der Veranstalter des größten Sportereignisses der Welt.

Unter dem Eindruck der Pandemie war in den vergangenen Tagen bei immer mehr Athleten und Verbänden die Forderung nach einer Verschiebung laut geworden. IOC-Präsident Thomas Bach hatte im Einklang mit den Ausrichtern in Japan bisher aber an dem Termin festgehalten.

Die Olympischen Sommerspiele sind in Friedenszeiten noch nie ausgefallen oder verschoben worden. Zuletzt hatte während des Zweiten Weltkrieges 1940 und 1944 keine Spiele gegeben. 1940 sollten sie eigentlich ebenfalls in Tokio stattfinden.

Das Internationale Paralympische Komitee (IPC), das vom 25. August bis 6. September die Spiele der Gehandicapten ausrichten will, begrüßte die Entscheidung des IOC angesichts der Umstände. "Die nächsten vier Wochen geben die nötige Zeit um abschätzen zu können, ob sich die weltweite Gesundheitslage verbessert", sagte IPC-Präsident Andrew Parsons. In dieser Zeit könne man auch verschiedene Szenarien prüfen, wenn die Spiele verschoben werden müssten. IOC-Chef Bach, ein ehemaliger Olympia-Fechter aus dem badischen Tauberbischofsheim, hatte dem Fernsehsender SWR zuvor gesagt: "Olympische Spiele können sie nicht verschieben wie ein Fußballspiel am nächsten Samstag. Das ist ein sehr komplexes Unternehmen, bei dem sie nur dann verantwortlich handeln können, wenn sie verlässliche und klare Entscheidungsgrundlagen haben."

Einflussreiche Verbände wie der US-Leichtathletikverband, sein britisches Pendant UK Athletics und verschiedene Nationale Olympische Komitees hatten auf eine Verschiebung gedrängt. Sie verwiesen unter anderem darauf, dass sich viele Athleten derzeit wegen des Coronavirus und der damit verbundenen Einschränkungen des öffentlichen Lebens in vielen Ländern nicht auf die Spiele vorbereiten könnten. Das britische Olmypische Komitee forderte mit Rücksicht auf die Athleten eine schnellere Entscheidung des IOC. Der deutsche Athletensprecher Max Hartung - wie Bach ein Fechter - hatte am Samstag angekündigt, die Spiele in Tokio mit Rücksicht auf die Sicherheit anderer Teilnehmer zu boykottieren.

In einem Brief an die Athleten versuchte Bach am Sonntag die Entscheidung des IOC zu erklären. "Ich kann mich in diejenigen einfühlen, die diese Situation für unbefriedigend halten. Ich weiß, dass in dieser beispiellose Situation viele Eurer Fragen offen bleiben. Ich weiß auch, dass diese rationale Herangehensweise nicht zu den Gefühlen passt, die viele von Euch durchleben." Eine Verschiebung auf einen konkreten Termin sei jetzt sei aber nicht möglich gewesen, weil man nicht wisse, ob sich die Lage in einigen Ländern verbessern oder in anderen verschlechtern werde.(reuters)