Als der damals scheidende Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, in seiner quasi letzten Amtshandlung auf der IOC-Session in Buenos Aires im September 2013 den Zettel mit der Aufschrift "Tokio" aus dem Kuvert zog, die Japaner damit zum Ausrichter der Olympischen Sommerspiele 2020 erklärte, kannte der Jubel ebendort kaum Grenzen. Frühmorgens feierten die Menschen auf den Straßen, die Freunde sei "größer als bei meinem eigenen Wahlsieg", erklärte Premierminister Shinzo Abe. Der Nikkei-Index kletterte auf ein neues Hoch, und die Zeitung "Nikkei" schrieb gar davon, dass "Tokio nun wiedergeboren" werde.

Doch als der erste Rausch vorüber war, folgte die Ernüchterung. Denn die Bewerbung Tokios, die vor allem dank der kurzen Wege überzeugte und sich auch mit diesen Argumenten gegen Istanbul und Madrid durchsetzte, stand von Anfang nicht unter dem besten Stern.

Bis zu 5,7 Milliarden Zusatzkosten

Korruptionsvorwürfe erschütterten die Organisatoren, Umweltschützer kritisierten, dass mehr in diese Sportveranstaltung als reine Imagekampagne und weniger in den dringend nötigen Wiederaufbau nach der Tsunami-Katastrophe von Fukushima zwei Jahre davor investiert würde. Und tatsächlich konnte auch das Versprechen der kurzen Wege nicht ganz eingehalten werden. Weil Mediziner vor dem schwülen Sommer und den hohen Temperaturen warnten, mussten zuletzt Bewerbe in andere Regionen ausgesiedelt werden. Seit Dienstag ist es nun gewiss: Die Spiele werden heuer nicht nur nicht so wie ursprünglich geplant, sondern gar nicht mehr stattfinden. Dass sich aber ausgerechnet ein Coronavirus mit dem Namen Sars-CoV2 als letztlich unbezwingbarer Gegner erweisen würde, hätte sich freilich lange niemand gedacht. Dabei war Japan wegen der Nähe zum Ausbruchsland China als eines der ersten Länder betroffen - und wenngleich man die Lage vergleichsweise im Griff hat, war bald klar, dass alleine schon die Reisebeschränkungen und die Verschiebungen im globalen Sport eine Austragung in diesem Sommer verunmöglichen würden.

Jacques Rogge bei der Verkündung Tokios als Ausrichter 2020. Daraus wird nun nichts. - © APAweb / afp, Fabrice Coffrini
Jacques Rogge bei der Verkündung Tokios als Ausrichter 2020. Daraus wird nun nichts. - © APAweb / afp, Fabrice Coffrini

Dass Japan - und das IOC - dennoch lange nicht vom geplant gewesenen Termin abrücken wollten, hat freilich auch finanzielle Hintergründe. Ökonomen rechneten dieser Tage aus, dass eine Verlegung auf das kommende Jahr - ein genauer Termin steht noch nicht fest - sich mit bis zu 5,7 zusätzlichen Milliarden Euro niederschlagen würde. Dabei sind die Kosten, wie bei Olympischen Spielen noch stets, ohnehin schon in der Planung sukzessive gestiegen. Zuletzt war von offizieller Seite von 11,3 Milliarden Euro die Rede gewesen, das National Audit Board Japans hatte diese Summe aber unlängst mehr als doppelt so hoch eingeschätzt.

Damit geriet auch Abe unter Druck, hatte er doch kostengünstige Spiele und eine Ankurbelung der Wirtschaft versprochen. Doch diese Fragen sind angesichts der Coronavirus-Pandemie ohnehin in den Hintergrund gerückt. Damit wird auch Olympia im kommenden Jahr neu gedacht werden müssen - und ziemlich anders, als man sich das damals, im September 2013, in Buenos Aires und Tokio gedacht hatte.