Am Ende wurde Henri de Baillet-Latour dann doch überredet. Nicht nur wegen des exotischen Banketts, das man ihm zu Ehren - am Boden sitzend - in Tokio gegeben hatte. Schließlich hatte Japan in den Monaten davor alles unternommen, um den Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sowie den Rest der Welt umzustimmen und von den Vorzügen Olympischer Sommerspiele in der Hafenmetropole doch noch zu überzeugen.

Dabei war das Kaiserreich für die kritische Haltung der IOC-Mitglieder, was Olympia 1940 in Tokio betraf, gewissermaßen selbst verantwortlich. Hätte man die eigene Bewerbung weniger aggressiv gestaltet und nicht auf allen politischen und diplomatischen Kanälen versucht, die anderen Bewerberstädte, darunter London, Rom und Helsinki, zum Rückzug zu bewegen, wer weiß, die Bewerbung wäre bei der IOC-Session 1935 womöglich durchgegangen. Aber so?

Die Charme-Offensive der japanischen Regierung und ihres nationalen Komitees bei Baillet-Latour sollte sich jedenfalls auszahlen. Der IOC-Präsident kehrte aus Asien nicht nur mit zahlreichen positiven Eindrücken, sondern auch einem Zuckerl der Japaner für die weltweit anreisenden Athletinnen und Athleten zurück, denen man großzügige Vergünstigungen in Aussicht stellte. Damit konnte Helsinki nicht mehr mithalten, und Tokio gewann die Abstimmung mit knapper Mehrheit. (London und Rom hatten zuvor ihre Kandidaturen in einem Akt des Appeasement beziehungsweise der Bündnistreue zurückgezogen.)

Allerdings währte die Freude in Tokio nur kurz, es kam bei den Vorbereitungen zu ernsten Komplikationen. Proteste wurden laut, zum einen, weil das Olympiastadion in der Nähe eines heiligen Shinto-Schreins lag, und zum anderen, weil vorgesehen war, dass der Kaiser, der im Land als Gottheit verehrt wurde, die Eröffnung persönlich und per Mikrophon vornehmen sollte. Das galt bei vielen traditionsbewussten Japanern als blasphemisch.

Helsinki sagt kriegsbedingt ab

Als die Verzögerungen immer größere Ausmaße annahmen, erhöhte auch das IOC den Druck - und Tokio legte im Juli 1938 die Austragung offiziell zurück. Der eigentliche Grund für den Rückzug war freilich ein anderer: Die japanische Regierung hatte, weil aufgrund des 1937 in China ausgebrochenen Krieges die Ressourcen knapp wurden, dem Japanischen Olympischen Komitee einfach über Nacht die Unterstützung versagt. Der Traum von Olympia in Tokio war damit geplatzt, und es sollten mehr als zwei Jahrzehnte vergehen, bis hier im Sommer 1964 die ersten Spiele in Asien stattfinden sollten.

Tatsächlich kam es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts öfter vor, dass Wettkämpfe zu Kriegszeiten zurückgelegt oder überhaupt abgesagt werden mussten. Als etwa die unterlegene Stadt Helsinki 1938 anstelle von Tokio den Zuschlag für Olympia erhielt, musste die Veranstaltung aufgrund des Krieges gegen die Sowjetunion 1939/40 doch abgesagt werden. Nicht anders erging es London und seinerzeit Berlin, wo die olympischen Feuer 1944 beziehungsweise 1916 - mitten im Weltkrieg - hätten entzündet werden müssen.

Aber auch bei Winterspielen kam es zu Verschiebungen und Absagen. Ein folgenreiches Beispiel betrifft wieder Japan, das 1940 neben den Sommer- auch die Winterspiele hätte austragen sollen. Als Sapporo im Juli 1938 kriegsbedingt ebenfalls die Kandidatur zurückzog, wurden die Wettkämpfe für 1940 vom IOC wie eine heiße Kartoffel über St. Moritz, das sich aber mit dem IOC zerstritt, an Garmisch-Partenkirchen weitergereicht. Der Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa machte aber auch hier eine Austragung unmöglich und die Winterspiele wurden - ebenso wie jene in Cortina d’Ampezzo 1944 - gestrichen.

Verschiebung um zwei Jahre

Für Olympia-Verschiebungen, die nicht kriegsbedingt in Absagen mündeten, gibt es in der Geschichte nur wenige Beispiele. Mit Blick auf Österreich relevant sind hier freilich die Winterspiele 1976 in Innsbruck, das sich als Stadt überhaupt nicht beworben hatte. Ursprünglich waren die Wettkämpfe an Denver in Colorado vergeben worden, weil sich aber die örtliche Bevölkerung in einer Abstimmung gegen die Verwendung von Steuermitteln aussprach und kein unterlegener Bewerber als Ersatz einspringen wollte, kam Tirol, das immerhin bereits 1968 die Spiele beherbergt hatte, als Gastgeber ins Spiel.

Eine Verschiebung der anderen Art erlebte die olympische Welt übrigens 1986. Nachdem einige TV-Sender - vor allem aus den USA - bekundet hatten, nicht mehr mehrere Millionen Doller binnen eines Jahres für Übertragungsrechte zweier Großereignisse zu bezahlen, beschloss das IOC einfach auf seiner 91. Session in Lausanne, die Charta dahingehend abzuändern, als Winter- und Sommerspiele ab 1994 nicht mehr im selben Jahr stattfinden sollten. Der Vorschlag wurde mit 78:2 Stimmen angenommen und die theoretisch für 1996 geplanten Winterspiele in Lillehammer um zwei Jahre vorverlegt.

So gesehen ist also die aktuelle Verschiebung der Olympischen Sommerspiele 2020 um ein Jahr eigentlich kein Novum mehr.