Am Anfang war die Erleichterung: Nein, die Sportwelt muss nicht im Sommer nach Japan, nein es wird dort kein gesundheitsgefährdendes "Volksfest für das Coronavirus" geben, wie Beachvolleyballer Clemens Doppler sinngemäß gemeint hatte. Und nein, es wird heuer auch keine Veranstaltung geben, die unter unfairen Bedingungen stattfindet, weil die Hälfte der in Frage kommenden Athleten nicht einmal die Möglichkeit haben würde, sich ordnungsgemäß zu qualifizieren. Das war die gute Nachricht, die die Sportwelt und vor allem ihre Protagonisten in dieser Woche mit der Verschiebung der für Juli/August 2020 geplant gewesenen Olympischen Spiele von Tokio ereilte. Doch nach der Erleichterung kommen die existenziellen Fragen, das ist im Sport nicht anders als in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen des derzeit rigide eingeschränkten Lebens.

Soll man sich bei all der grassierenden Ungewissheit, bei all den Sorgen des Alltags tatsächlich noch ein Jahr vorbereiten - wenn der Ausgang nach wie vor unsicher ist? Und vor allem: Wie soll man sich das als Vertreter einer finanziell eh minder ausgestatteten Sportart schaffen, wenn schon die internationale Gewerkschaft der - vergleichsweise - besser bezahlten Fußballer von einem vielfach geforderten kollektiven Gehaltsverzicht abrät? "Unsere Pläne und Budgets liegen bis August 2020 am Tisch, wir können aktuell nicht beurteilen, wie das kommende Jahr aussehen wird, weder sportlich noch finanziell", sagt Thomas Zajac, gemeinsam mit Tanja Frank 2016 Österreichs bis dato letzter Olympia-Medaillengewinner im Sommersport.


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Informationen der Bundessportorganisation Sport Austria
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Leichte Beruhigung

Zumindest der Versuch einer Beruhigung kam am Donnerstag von Clemens Trimmel, dem Geschäftsführer der Bundes-Sport GmbH. Es müsse "niemand Angst haben, dass laufende Förderverträge gestrichen werden. Das ist bis zu einem gewissen Grad unabhängig davon, ob im Sommer 2020 Spiele stattfinden oder nicht", sagt Trimmel zur Austria Presse-Agentur. Wie es darüber hinaus aussehe, muss freilich noch evaluiert werden, ebenso wie die Frage, ob das Internationale Olympische Komitee zur Überbrückung schon vorab jenes Geld ausschüttet, das der "Olympischen Bewegung" von seinem eigenen Umsatz zusteht. "Gebt uns Zeit, all diese Fragen zu beantworten, um alle Puzzleteile zusammenzusetzen", hatte IOC-Präsident Thomas Bach diese Woche an alle Beteiligten appelliert.

Das meiste Geld bezieht der österreichische Sport aber ohnehin nicht vom IOC, sondern von der Bundes-Sport GmbH, die für die Abwicklung der gesamten im Sportfördergesetz festgehaltenen besonderen Bundessportförderung in Höhe von rund 90 Millionen Euro jährlich zuständig ist. Rund 33,5 Millionen davon gingen zuletzt über die (59) Fachverbände an den Spitzensport exklusive ÖFB, der extra knapp 15 Millionen Euro erhält; rund 26 Millionen Euro an den Breitensport über die Dachverbände Askö, Asvö und Sportunion; der Rest an das ÖOC, den Verband alpiner Vereine, Sport Austria als Interessensvertreterin des gesamten organisierten Sports in Österreich (vormals Bundessportorganisation), den Behindertensportverband, das Paralympische Komitee sowie Special Olympics.

Darüber hinaus gibt es gesetzlich geregelte sieben Millionen Euro für die athletenspezifische Spitzensportförderung sowie drei Millionen Euro für "Vorhaben und Organisation". Das Geld wiederum kommt zum überwiegenden Teil von den Österreichischen Lotterien. Wie sich der Shutdown auf diese auswirkt, ist freilich unsicher. Wie vieles andere pausiert beispielsweise auch Toto - das zwar angesichts des Vormarsches der Online-Wetten bisweilen anachronistische Züge aufweist, für den heimischen Sport aber von existenzieller Bedeutung ist.

Weitere Verhandlungen

Wenngleich diese und viele andere Fragen - etwa die Verlängerung der Vorbereitung und Fristen - noch einer Klärung harren, ist der Spitzensportbereich halbwegs abgesichert. Für die Breite hat der Ausfall des laufenden Betriebs freilich unmittelbarere Folgen. Die rasche Umsetzung der Möglichkeit zur Kurzarbeit, die diese Woche beschlossen wurde, kann ein Puzzleteil sein, um kurzfristig über die Runden zu kommen; mangels Rücklagen bei den gemeinnützig organisierten Vereinen fordern deren Vertreter nun aber zusätzlich ebenfalls Überbrückungshilfen aus dem Hilfspaket, die in naher Zukunft ausverhandelt werden sollen.

Vorerst stehen aber wohl auch hier andere, existenzielle Fragen im Mittelpunkt. Bis zu ihrer Klärung wird sich der Sport wohl mit der Erleichterung über die Olympiaverschiebung trösten müssen.