Lange hatte das Internationale Olympische Komitee gezögert, mit der zwangsläufigen Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio auf 2021 nun vor etwas mehr als einer Woche erste, lange erwartete und von den Sportlern allgemein begrüßte Erwartungen geschaffen. Am Dienstagabend wurden nun weitere Rahmenbedingungen bekannt: Die Qualifikationsphase für die Erbringung von Quotenplätzen muss bis 29. Juni 2021 abgeschlossen sein, die Nominierung durch die Nationalen Olympischen Komitees bis spätestens 5. Juli desselben Jahres erfolgen. Damit wird den Athleten ein gewisses Mehr an Planungssicherheit eingeräumt - was es für sie genau bedeutet, ist aber von Sportart zu Sportart unterschiedlich. Schließlich variiert der Qualifikationsmodus - in einzelnen Sparten wird die Rangliste herangezogen, in anderen gibt es Turniere -, zudem liegt es an den einzelnen internationalen Verbänden selbst, nun eigene Fristen festzulegen - solange diese in Übereinstimmung mit der Deadline 29. Juni stehen.

Der Leichtathletik-Weltverband hat sich als einer der ersten festgelegt: Dort ist die Qualifikationsphase überhaupt bis einschließlich 30. November unterbrochen und läuft danach bis 29. Juni des Folgejahres. Durch die Aussetzung des Qualifikationsbetriebes wolle man auch für jene Athleten, für die eingeschränkte Reisemöglichkeiten gelten, faire Bedingungen schaffen, erklärte Sebastian Coe, Chef des Weltverbandes World Athletics. Die Maßnahme bringe "Planungssicherheit und ist der beste Weg, um die Qualifikation angesichts der Herausforderungen internationaler Reisen und ungleicher Wettkampfmöglichkeiten auf der ganzen Welt für alle Athleten fair zu gestalten", betonte er. Bereits erbrachte Limits behalten freilich ihre Gültigkeit, was auch bei fünf Österreichern für Aufatmen sorgen dürfte: Diskuswerfer Lukas Weißhaidinger, die Siebenkämpferinnen Verena Preiner sowie Ivona Dadic und die Marathonläufer Lemawork Ketema sowie Peter Herzog haben nicht nur Quotenplätze erbracht, sondern auch schon ihre Fixtickets für den Flug nach Tokio in der Tasche.

Nach derzeitigem Stand der Dinge würden die Leichtathleten damit die zahlenmäßig zweitstärkste rot-weiß-rote Abordnung in Japan stellen. Nur bei den Radsportlern sowie bei den (traditionell erfolgreichen) Seglern haben sich bereits je sechs Sportler und Sportlerinnen in drei Booten qualifiziert: Tanja Frank/Lorena Abicht (49er-FX-Klasse), Thomas Zajac/Barbara Matz (Nacra 17 Foiling) sowie Benjamin Bildstein/David Hussl (49er).

Magdalena Lobnig ist bereits fix qualifiziert. - © APAweb / Helmut Fohringer
Magdalena Lobnig ist bereits fix qualifiziert. - © APAweb / Helmut Fohringer

Allerdings dürfen sich auch in anderen Sportarten nun wieder mehr Athleten Hoffnung auf eine Teilnahme machen. Denn insgesamt sind laut Angaben des Internationalen Olympischen Komitees erst 57 Prozent der Plätze vergeben, rund 5000 dagegen noch unbesetzt. Stellte Österreich bei den jüngsten Spielen in Rio de Janeiro 71 Teilnehmer, umfasst das aktuelle Tokio-Kontingent erst 37 Sportler - die meisten stehen bereits namentlich fest, in einigen Sportarten steht eine interne Ausscheidung noch aus.

Chance für Jüngere

Noch nicht vertreten wäre Österreich nach derzeitigem Stand etwa bei den Beachvolleyballern, bei denen besonders viele Turniere der Coronavirus-Pandemie zum Opfer gefallen sind. Die Verschiebung bringt nun auch beispielsweise für die ehemaligen Vizeweltmeister Clemens Doppler/Alexander Horst eine neue Chance. Im Rudern ist in Magdalena Lobnig zwar erst eine Athletin qualifiziert, doch der vor allem in früheren Zeiten erfolgreiche Verband hofft nun durch die gewonnene Zeit ebenso, vor allem jüngere Sportler in die Nähe eines Startplatzes heranzuführen. Erst vor wenigen Tagen - und damit ungewöhnlich angesichts des momentanen Ausstands - hat der Verband den Deutschen Robert Sens, in dessen Trainingsgruppe Lobnig schon bisher dabei war, als neuen Cheftrainer präsentiert, schon im Mai will er seine Arbeit aufnehmen. "Mit unserem raschen Handeln geben wir unseren Athleten Sicherheit und neue Entwicklungschancen, um die Zeit effektiv zu nützen", sagte Verbandspräsident Horst Nussbaumer anlässlich seiner Bestellung. Sens wiederum sprach von einer "irrsinnig guten Entwicklung" bei Österreichs Athleten.

Nicol Ruprecht verlängert ihre Karriere, um zum zweiten Mal zu Olympischen Spielen zu fahren. - © APAweb / afp, Thomas Coex
Nicol Ruprecht verlängert ihre Karriere, um zum zweiten Mal zu Olympischen Spielen zu fahren. - © APAweb / afp, Thomas Coex

Während die Jüngeren nun also ein Jahr länger Zeit haben, Olympiareife zu erlangen, bedeutet die Verschiebung für Arriviertere mitunter eine ungeplante Karriereverlängerung - wie etwa für die Sportgymnastin Nicol Ruprecht. Die 27-Jährige, die in Rio den 20. Platz erreicht hatte, wollte heuer eigentlich aufhören. Noch ist sie nicht qualifiziert. "Natürlich mache ich weiter. Mein Ziel heißt zweite Olympia-Teilnahme. Also werde ich erst aufhören, wenn das entschieden ist", sagt sie. Und das könnte nun doch noch etwas länger dauern.(art)