Ich fühle mich ausgezeichnet und bin glücklicher, als ich es mit Worten ausdrücken könnte!", ließ die junge Frau über Instagram wissen. "Der Arzt hat mir endlich die Erlaubnis gegeben, ins Becken zu steigen. Es müssten 406 Tage vergangen sein!" Dazu zeigt sie ein Foto von sich im Pool: weiße Badekappe, rosablauer Badeanzug, Victoryzeichen und ein breites Lächeln. Rikako Ikee, 19 Jahre, sieht auf dem Bild so verschmitzt fröhlich aus wie ein Teenager, der sich in Zeiten des Coronavirus heimlich rausgeschlichen hat. Doch weit gefehlt. In derselben Nachricht verkündete Ikee: "Ich hoffe, dass alle Menschen, mich eingeschlossen, alles tun werden, um weitere Infektionen zu vermeiden, damit dieses Problem möglichst schnell gelöst wird." So wirkte ihre zur Schau gestellte Zufriedenheit über die eigene Gesundheit auch weniger ignorant oder taktlos. Alle möglichen japanischen Medien nahmen die Botschaft mit großem Interesse auf. "Asahi Shimbun", Japans zweitgrößte Tageszeitung, kommentierte: "Rikako Ikee ist zurück in ihrem Element."

Dieser Tage ist die Schwimmerin eine von wenigen in Japan, die für gute Nachrichten sorgen können. Kurz bevor Premierminister Shinzo Abe am 7. April für die Metropolen des Landes den Ausnahmezustand ausrief, war schon Ken Shimura, der beliebteste Komiker Japans, am Coronavirus gestorben. Seit Wochen sind alle möglichen Sportveranstaltungen ausgesetzt. Die Zahl der bekannten Infektionsfälle steigt in Japan seit Ende März besonders schnell. Frohe Botschaften verkündet derzeit kaum jemand. Schließlich kann auch die Vorfreude auf die Olympischen Spiele, auf die sich tatsächlich viele Japaner lange Zeit noch gefreut hatten, zunächst nicht gestillt werden.

Die Uhr läuft für Ikee

Doch gerade die Verschiebung von "Tokyo 2020" auf den Sommer 2021 könnte auch etwas Gutes haben, zumindest für Rikako Ikee: Die Schwimmerin könnte, nachdem sie schon abgeschrieben war, doch noch die Qualifikation für die Spiele in der Heimat schaffen. Gelingen ihr die Normzeiten bei den derzeit ebenfalls ausgesetzten Qualifikationsturnieren, wäre Ikee im nächsten Sommer wohl eine der schillerndsten Persönlichkeiten Olympias. Eigentlich sollte sie ohnehin zum Star der Spiele werden. Als Rikako Ikee 2016 in Rio ihr Olympiadebüt gab, war sie erst 16 Jahre alt, aber bereits Landesrekordhalterin auf 100 Meter Schmetterling sowie Nachwuchsweltmeisterin über 50 und 100 Meter. Als sie 2018 bei den Asian Games in Jakarta mit sechs Goldmedaillen einen Rekord aufstellte, kannte sie plötzlich ganz Japan. Die Nachrichtenagentur prognostizierte schon: "Ikee wird wohl eines der Gesichter der Spiele werden." Gemeint waren die Spiele in Tokio, die ja eigentlich am 24. Juli dieses Jahres beginnen sollten. Nur wurde dieser Termin für die Medaillenhoffnung plötzlich unmöglich.

Auf einem dreiwöchigen Trainingslager in Australien im Februar 2019 fühlte sich Rikako Ikee nach einer Trainingseinheit seltsam schlapp. Sie reiste frühzeitig ab, um sich daheim untersuchen zu lassen. Kurz darauf trat sie mit Erschütterung an die Öffentlichkeit: "Ich kann es nicht glauben, ich bin durcheinander. Aber mit Behandlung kann diese Krankheit geheilt werden." Ihre Diagnose war Leukämie. Der Traum von Olympia in ihrer Heimatstadt war ganz klein geworden. Voran stand zunächst der Wunsch nach Überleben.

Kompletter Rückzug

Als die Therapie begann, ging die junge Frau, die eigentlich für ihr vieles Lächeln bekannt war, wohl durch die Hölle. Während auf ihrer persönlichen Website bald mehr als 1,3 Millionen Unterstützungsbekundungen eintrafen, zog sie sich aus der Öffentlichkeit komplett zurück. Ein Jahr nach ihrer Diagnose, im Februar dieses Jahres, gab Ikee wieder ein Interview. "Ich konnte keine Geräusche ertragen, hatte keinen Appetit und konnte den Fernseher nicht ausstehen", erklärte sie im TV. "Ich wollte sterben." Hätte man ihr nicht versichert, dass sie die Therapie überstehen könnte, hätte sie den nötigen Mut wohl nicht aufbringen können.

Kurze Zeit darauf aber sieht die Welt ganz anders aus. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus im Dezember absolvierte Ikee Ende Februar ihre erste Trainingseinheit. Aber könnte sie jetzt doch bei Olympia starten, in Japan für Japan? Die Athletin selbst will sich dazu noch nicht äußern. Ihr offizielles Ziel ist die Qualifikation für die Spiele von Paris 2024. Aber dass Rikako Ikee nicht an einen Start in Tokio denkt, ist kaum vorstellbar. Selbst die Website des Internationalen Olympischen Komitees schreibt schon: "Ikee ist noch lange nicht wieder die Alte. Aber obwohl ihr Comeback kaum einen Monat her ist, bietet sie ihrem Land, und vielleicht der Welt, schon ein positives Beispiel, wie man durch diese unsicheren Fahrwasser navigieren kann."

Die erneut trainierende Rikako Ikee sei auch deshalb ein Symbol für Hoffnung, weil sie selbst ihre Hoffnung nicht aufgegeben habe. Und je weiter sich der Coronavirus noch ausbreitet, desto besser könnten Ikees Chancen werden, doch dabei zu sein. Zudem ist angesichts der globalen Krisensituation nicht sicher, dass die Spiele von Tokio tatsächlich am 23. Juli 2021 starten werden. Doch je später sie beginnen, desto höher steigen die Chancen, dass Ikee die Form ihres Lebens erreicht hat.