Sie war der Stolz der frischgebackenen Olympiastadt Antwerpen. Vier lange Jahre des Krieges, darunter die mörderische Belagerung von 1914 samt nachfolgender deutscher Besatzung, hatte die erst 1910 errichtete Eislaufhalle der flämischen Hauptstadt, "Palais de Glace" (Eispalast) genannt, ohne grobe Schäden überstanden. Dementsprechend triumphal fiel daher auch die Wiedereinweihung anlässlich der Olympischen Spiele, die hier vor hundert Jahren mit den ersten "Vorkämpfen" eröffnet wurden und am 12. September abgeschlossen wurden, aus - und das gleich in einer Sportart, mit der bei Sommerspielen so kaum einer gerechnet hätte: Eishockey.

Schon am 29. April 1920, sechs Tage nach Anpfiff des ersten Olympia-Turniers im Eishockey, standen mit Kanada, den Vereinigten Staaten und der Tschechoslowakei die ersten Medaillengewinner fest. Dabei glänzten vor allem die Nordamerikaner, die mit einem Gesamtscore von 29:1 (Kanada) und 52:2 (USA) Toren zu überzeugen wussten. Dass sich die Kanadier durchsetzen konnten, lag vor allem am starken Kontingent, das die Amateure des Klubs Winnipeg Falcons in der siebenköpfigen Nationalmannschaft stellten und deren Spieler mit einer einzigen Ausnahme gebürtige Isländer waren. Island war ja bei Olympia - weil noch dänische Kolonie - nicht als Nation genannt.

Für das Publikum sollte es jedenfalls das erste und letzte Mal sein, dass es bei Sommerspielen Puck und Schläger zu Gesicht bekam, wurde doch die Eisdisziplin bereits vier Jahre später den neu ins Leben gerufenen Winterspielen - erstmals ausgetragen 1924 in Chamonix - zugeordnet. Dieses Schicksal ereilte übrigens auch den Eiskunstlauf, der schon einmal, 1908 in London, als olympische Disziplin zugelassen war. Hatten damals noch die Engländer im Medaillenspiegel die Nase vorne gehabt, erwiesen sich in Antwerpen (25. bis 27. April) diesmal die Schweden als die großen Abräumer (drei Medaillen).

Mit dem Abspielen der Nationalhymnen Kanadas und Schwedens waren die Vorkämpfe auch schon wieder vorbei, und es folgte eine sechswöchige Pause. Dass sich die olympischen Turniere über fast ein halbes Jahr erstreckten, war damals nicht neu. Bereits die Spiele in Paris (1900), St. Louis (1904) und London (1908) hatten bis zu fünf Monate gedauert, zum einen, weil sie organisatorisch noch als "Anhängsel" der jeweiligen Weltausstellungen geführt wurden, sowie zum anderen, weil man bestimmte Sportarten wie Boxen, Rugby, Fußball oder Eiskunstlauf bewusst in kühlere Jahreszeiten "auslagern" wollte. (Lediglich bei den Spielen 1912 in Stockholm war eine solche Maßnahme aufgrund der skandinavischen Temperaturen offenbar nicht nötig.)

Das Gros der Medaillenentscheidungen fiel freilich im Hochsommer, weswegen auch die offiziellen Eröffnungsfeiern gewöhnlich erst später vorgenommen wurden. In Antwerpen kam die Aufgabe Belgiens König Albert I. zu, der am 15. August 1920 vor die Massen trat. Deutsche und Österreicher waren unter den Athleten übrigens nicht vertreten. Beide Nationen wurden, ebenso wie die übrigen Weltkriegsverlierer Ungarn, Bulgarien und die Türkei, bei diesen Spielen nicht zugelassen. Dementsprechend kritisch fielen daher auch die Kommentare in den Zeitungen aus: So bezeichnete das "Wiener Sport-Tagblatt" die Olympischen Spiele etwa als "Siegesfest der Alliierten" und konstatierte, dass die ehemaligen Mittelmächte "mit der Veranstaltung in Antwerpen nichts zu tun haben". Folglich geriet auch das erstmalige Hissen der olympischen Flagge oder auch die erstmalige Abnahme des olympischen Eides, gesprochen vom belgischen Fechter Victor Boin, zum exklusiven Ritual.

Trotz der Ausschlüsse waren bei diesen Spielen 29 Nationen mit 2591 Athletinnen und Athleten vertreten, darunter auch Sportler aus Ägypten, Britisch-Indien und Australien. Das erste Mal genannt waren zudem Teilnehmer aus Estland, Monaco, Brasilien, Neuseeland oder auch Finnland, das erst 1917 die Unabhängigkeit von Russland erreicht hatte und von allen Debütanten das größte Kontingent in Belgien stellte (63 Sportlerinnen und Sportler).

Zu den bekanntesten Namen zählt hier der finnische Leichtathlet Paavo Nurmi, der in Antwerpen gleich drei Mal Gold und einmal Silber holte und dessen Mythos der älteren Generation noch aus Hans-Moser-Filmen bekannt ist ("Ich bin ja net der Nurmi"). Zur Legende wurden auch der italienische Fechter Nedo Nadi (fünf Mal Gold) sowie die US-Amerikanerin Ethelda Bleibtrey, die alle Schwimmbewerbe der Frauen gewann und jedes Mal den gültigen Weltrekord brach. Weniger bekannt ist hingegen, dass der britische Sportler Philip Noel-Baker (Silber im 1500-Meter-Lauf) 1959 als Friedensnobelpreisträger sowie der US-amerikanische Ruderer John B. Kelly als Vater der Filmschauspielerin und Fürstin von Monaco, Grace Kelly, Berühmtheit erlangten - wenn auch erst nachträglich.

Wasser für Italiener zu kalt

Für ein Kuriosum in der Olympia-Geschichte sorgte übrigens die italienische Wasserballmannschaft: Sie trat im Spiel gegen Schweden nur mit einem Athleten an, weil dem Rest des Teams das Beckenwasser zu kalt war. Erst beim Spielstand von 0:7 gab der wackere Einzelkämpfer die aussichtslose Partie gegen die siebenköpfige schwedische Mannschaft auf. Ebenso ungewohnt und kurios mutet die Tatsache an, dass in Antwerpen neben den etablierten Sportarten auch Medaillen für künstlerische Leistungen vergeben wurden, etwa in Städtebau, Bildhauerei, Malerei und Grafik. Erst ab 1948 wurden die Kunstwettbewerbe aus dem Disziplinenkanon gestrichen. Der Eispalast von Antwerpen steht übrigens nicht mehr. Die erste Eishockey-Halle der Olympiahistorie wurde 2016 abgerissen.