Premierminister Shinzo Abe und Tokios Gouverneurin Yuirko Koike wollten Olympia unbedingt dieses Jahr veranstalten. Es ging ihnen um Wirtschaftspolitik und ihr Ansehen in der Öffentlichkeit. Auch als sie bereits ahnten, dass sich dieser Plan wegen des Coronavirus nicht umsetzen lässt, warteten sie noch ab, ehe sie deutliche gesundheitspolitische Entscheidungen fällten."

Eines ist gewiss: Wäre Koichi Nakano Politikprofessor in China und hätte er seine kritischen Aussagen im Zusammenhang mit Corona gegen die Parteiführung in Peking gerichtet, der Mann würde dafür wohl längst in einem Lager einsitzen. In seiner Heimat Japan, wo er an der Tokioer Sophia-Universität lehrt, wird er hierfür im Netz beklatscht. Weil der Wissenschafter ausgesprochen hat, was sich viele im Land denken: Dass die Regierung, was die Fallzahlen betrifft, nicht immer reinen Wein eingeschenkt hat. Und dass das mit Olympia so nichts mehr wird.

Nun, da ist was dran. Tatsächlich zählte Japan schon im Februar, als durch das Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" auch die ersten Personen auf dem Festland infiziert waren, für einige Zeit die meisten Infektionszahlen - nach China. Das Interessante ist, und darauf basieren auch die Vorwürfe von Nakano und Co., dass die Fallzahlen danach kaum anstiegen, während zeitgleich die Infektionen global explodierten. Fest steht auch: Am Krisenmanagement kann es nicht gelegen sein, zumal das öffentliche Leben ja kaum eingeschränkt wurde. Vielmehr wurde zu wenig getestet, was den Verdacht nährt, dass auch die Dunkelziffer an Infektionen um ein Vielfaches höher gewesen sein musste. Und die Testzahlen scheinen dies zu belegen. Als Abe am 24. März nach langem Tauziehen die Verschiebung der Olympischen Spiele auf 2021 verkündete, wurden bis dahin im Land pro Woche noch weniger als 30.000 Tests durchgeführt. Dass diese Kapazitäten bis heute verdoppelt wurden, täuscht: Allein in Deutschland sind es aktuell 360.000 Tests pro Woche. Es ist zu bezweifeln, dass es in naher Zukunft zu einer der für Japan berühmten wie tränenreichen Entschuldigungsszenen im Palast des Premierministers in Sachen Fallzahlen kommen wird. Dafür haben Abe und seine Regierung ihr Vermächtnis und folglich wohl auch ihr politisches Schicksal zu sehr vom Erfolg der Olympischen Spiele abhängig gemacht. Tatsächlich sind aber die Aussichten auch nach der Verschiebung nicht gerade rosig und der absolute Super-GAU, eine Absage der Spiele, in bedrohliche Nähe gerückt.

An die Wand gemalt hat dieses vor allem wirtschaftlich katastrophale Szenario der Chef der japanischen Ärztekammer, Yoshitake Yokokura. Sollte bis zum Frühjahr kein Impfstoff gefunden werden, stünde auch der Ersatztermin im Sommer 2021 zur Disposition, erklärte Yokokura und sprach von einer großen Herausforderung für Tokio. "Ich sage nicht, dass Japan die Olympischen Spiele ausrichten sollte oder nicht, aber dass es schwierig wäre, dies zu tun", sagte der Ärztekammer-Boss. Und Yokokura fand prompt Gehör beim nationalen Organisationskomitee. Sollte die Corona-Pandemie noch länger dauern und kein Impfstoff gefunden werden, werde man die Spiele nicht mehr über 2021 hinaus verschieben, erklärte Chef-Organisator Yoshiro Mori in der Zeitung "Nikkan Sports" am Dienstag. Und fügte hinzu: "In dem Fall werden sie abgesagt."

Japaner wollen nicht mehr

Was vielleicht unter anderen Umständen einen lauten Aufschrei ausgelöst hätte - immerhin ist die Absage Olympias ein seltenes Ereignis -, wurde in Japan nahezu mit Erleichterung zur Kenntnis genommen. Dabei dürfte Mori mit seiner Aussage die Stimmung in der Bevölkerung gut getroffen haben. Denn wie eine von Yahoo Japan unter 76.000 Usern durchgeführte Umfrage ergeben hat, wünschen sich zwei Drittel der Befragten, dass die Spiele im gesetzten Fall nicht erneut verschoben, sondern gleich abgesagt werden.

Premierminister Abe dürfte allerdings jetzt schon als Verlierer übrig bleiben. Denn selbst wenn die Spiele stattfinden sollten, so wäre ihre Ausrichtung mit erheblichen Extrakosten für Tests und Gesundheitskontrollen, die selbst bei Vorliegen einer Impfung ja rigoros durchgeführt werden müssten, verbunden. Kosten, die der japanische Staat und die von Corona gebeutelte Wirtschaft wohl nur schwer stemmen werden können. Jedenfalls ist der Streit zwischen der Regierung und dem Internationalen Olympischen Komitee darüber, wer für die Kosten sowie für weitere Verluste aufkommen soll, zwischenzeitlich entbrannt. Ganz gleich, ob die Olympischen Spiele 2021 stattfinden oder nicht, Abe stehen schwierige Monate bevor, die Auswirkungen auf seine Karriere haben könnten. Welche das sind, werden Leute wie Professor Nakano zu beurteilen haben.