Es ist nicht so, dass die Austragung Olympischer Spiele in Normalzeiten ein billiges Vergnügen wäre. Noch so gut wie alle Organisatoren mussten ihre Kalkulation in der Geschichte nach oben revidieren, für Japan gilt dies aufgrund der Verschiebung der Sommerspiele, die für dieses Jahr angesetzt waren, wegen der Coronavirus-Pandemie aber auf kommendes (23. Juli bis 8. August) verschoben werden mussten, aber umso mehr. 1,9 Milliarden Euro kommen dadurch zu den zuletzt kolportierten 13 Milliarden hinzu, rechneten Analysten in den vergangenen Tagen aus, alleine die Schutzmaßnahmen gegen eine weitere Verbreitung von Sars-CoV-2 schlagen mit mehr als 800 Millionen Euro zu Buche. Und ob es tatsächlich ein Vergnügen wird, tja, das muss sich überhaupt erst weisen.

Denn während Olympia sich in teils romantischer Verklärung bisher damit rühmte, ein fröhliches, buntes und völkerverbindendes Sportfest zu sein, werden die Wettkampfstätten und das Olympische Dorf in Tokio eher einem Hochsicherheitstrakt gleichen. Die Athleten müssen mehrere Tests absolvieren, das Dorf kurz nach ihrem Wettkampf wieder verlassen. Möglichst viele von ihnen sollen ebenso wie die Zuschauer auch geimpft werden, wenngleich Thomas Bach, der Präsident des IOC, der unmittelbar nach den Spielen seine nächste Amtszeit antreten wird - Gegenkandidat für die Wahl im März des kommenden Jahres gibt es keinen, wie das IOC am Dienstag mitteilte -, betont, eine Pflicht zur Impfung bestehe nicht.

So oder so aber wird alleine durch diese Diskussion deutlich, auf welch wackeligen Beinen die Pläne Bachs, des IOC und der nationalen Organisatoren stehen. Denn noch ist unklar, in welchem Ausmaß Impfungen im Vorfeld der Spiele überhaupt zur Verfügung stehen werden. Olympia solle hier keinen Vorrang haben, wichtig sei zunächst einmal der Schutz der Risikogruppen, sagt Bach auch.

Eine Flamme als Tunnellicht

Der 66-Jährige hat schon einige Sträuße ausgefochten - als Fecht-Olympiasieger im wahrsten Sinne des Wortes. Korruptionsvorwürfe im Umfeld des IOC sowie der stetige Vorwurf, sich mit Regimen, die es mit den Menschenrechten nicht ganz so genau nehmen, ins Bett zu legen, begleiten ihn seit seinen ersten Spielen, jenen in Sotschi 2014 - just zum Ausbruch der Ukraine-Krise, als Russland besonders im Fokus der Weltöffentlichkeit stand.

Nun ist es nicht die Politik, sondern ein global grassierendes Virus, das Sportlern und Fans weltweit die Lust auf die Spiele vergällen und somit zur Nagelprobe für den gewichtigen IOC-Chef werden könnte. Da auch die Infektionszahlen in Japan, das anfangs zumindest nach offiziellen Angaben gut durch die Krise gekommen ist, wieder im Steigen begriffen sind, mehren sich sowohl unter den Einwohnern Tokios, die eine Einschleppung von Viren befürchten, als auch unter Infektiologen die Zweifel, ob die Spiele im nächsten Jahr überhaupt stattfinden können. Land, Stadt und IOC wollen davon freilich nichts wissen. Bei einer kürzlich erfolgten Stippvisite lobte Bach demonstrativ die Vorbereitungen und Wettkampfstätten, die eine "inspirierende und authentische" Atmosphäre versprühen würden.

In den Genuss, diese vorab zu erleben, werden viele Sportler freilich nicht so bald kommen; von den 18 geplanten Test-Veranstaltungen im kommenden Frühjahr sind nur bei vier - Schwimmen, Wasserspringen, Volleyball und Turnen - Athleten aus anderen Ländern zugelassen. Trotzdem gibt man sich ebenso optimistisch wie pathetisch: "Zusammen können wir diese Olympischen Spiele und die olympische Flamme zu einem Licht am Ende des Tunnels machen", sagt Bach. Auch das klingt ein bisschen nach romantischer Verklärung. Und auch das hat es in Normalzeiten schon gegeben. In Zeiten der Pandemie ist es nur vielleicht noch ein bisschen schwieriger zu glauben.