Thomas Bach ist und bleibt der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees IOC, so viel stand mangels Gegenkandidaten schon vor dem - aufgrund der Coronavirus-Pandemie virtuell abgehaltenen - IOC-Kongress fest, auf dem der Deutsche am Mittwoch wiedergewählt wurde. Und es ist auch diese Pandemie, die mit ihm in Verbindung gebracht werden wird, wenn seine nächste und wohl letzte Amtszeit beendet sein wird. Nun kann man Bach kaum dafür verantwortlich machen, so viel Macht hat nicht einmal der mächtigste Herr der Ringe. Doch der Umgang damit überschattet auch das Erbe, das Bach dereinst hinterlassen wird.

Da war zunächst das lange Zögern im vergangenen Jahr, als absehbar war, dass Tokio die Spiele nicht wie geplant würde durchführen können. Danach kam die Entschlossenheit, die Veranstaltung zumindest mit einem Jahr Verspätung - trotz massiver Kostenexplosion und gegen den Willen der japanischen Bevölkerung - durchzupeitschen. Die Durchhalteparolen, Versprechungen von sicheren Spielen und zugleich vage Andeutungen von Impfungen, die man wolle, aber eh nicht erzwingen könne, haben einen zunehmend hohlen Klang entwickelt. Und von der "Agenda 2020", von der man sich einen schlankeren Apparat, günstigere Veranstaltungen und ganz generell eine Modernisierung Olympias erhofft hatte, ist kaum mehr etwas übrig geblieben.

Wie ein Bogen spannt sich Bachs bisherige Ägide seit seiner Wahl im Jahr 2013 - mit wohlwollender Unterstützung des umstrittenen kuwaitischen Scheichs Ahmad Fahd al-Ahmad as-Sabah - von den Olympischen Spielen in Sotschi, just während des Ausbruchs des russisch-ukrainischen Konflikts, während dessen er alles andere als kritische Worte für Wladimir Putin, ebenfalls einen Verbündeten, fand, bis zu den im kommenden Jahr anstehenden Winterspielen in Peking. Auch in Brasilien 2016 hat die bunte und Samba-fröhliche Fassade durch die dort - nicht nur, aber eben auch im Umfeld von Olympia - grassierende Korruption Kratzer abbekommen. Die Winterspiele in Pyeongchang mögen da schon unbedenklicher gewesen sein, dass sie als besonders stimmungsvolle in die Geschichte eingehen werden, könnte man aber nicht behaupten.

Und als nun unmittelbar vor der Wiederwahl des Fecht-Olympiasiegers von 1976 ruchbar wurde, dass die Spiele in Japan, die ohnehin schon kaum noch einer will, gänzlich ohne Zuschauer aus dem Ausland stattfinden sollen, war nach dem jüngsten Sexismus-Eklat rund um den mittlerweile zurückgetretenen japanischen Organisationschef Yoshiro Mori, den man Teflon-artig hatte abperlen lassen, das nächste dunkle Kapitel der Bach’schen Olympia-Geschichte geschrieben.

Gegenwind gibt es trotzdem keinen. Das IOC steht finanziell gut da, Verbände und Institutionen lechzen mit gutem Grund danach, am finanziellen Tropf der vielbeschworenen "Olympischen Familie" andocken zu dürfen. Und wiewohl die Veranstaltung selbst immer noch die veranschlagten Kosten überschritten hat, sich Bürger in der westlich-demokratischen Welt immer lauter dagegen aussprechen, mangelt es an Bewerbern nicht.

Paris, Mailand/Cortina sowie Los Angeles werden nach Japan und China die nächsten Ausrichter Olympischer Spiele sein; mit seinen nicht zu bestreitenden diplomatischen Fähigkeiten haben es Bach und seine (brav im Hintergrund) agierenden Mitstreiter möglich gemacht, Diskussionen darüber im Keim zu ersticken und Olympia wieder in den - wie es so schön heißt - Kernmarkt zu bringen. Ob das ausreicht, um als großer Macher in die Geschichte einzugehen, bleibt dahingestellt. Vorerst hat der neue, alte Herr der Ringe vorrangig eines: einen Berg an Problemen, den es in bester Fecht-Manier abzuwehren gilt.