Das hat Premierminister Yoshihide Suga noch gefehlt. Oder war es doch abgesprochen? Als wäre die Lage mit Blick auf die anhaltende Pandemie und die schon einmal verschobenen Olympischen Spiele im Juli und August in Tokio nicht schon unübersichtlich genug, sieht sich der japanische Regierungschef unvermittelt "friendly fire" ausgesetzt. Ausgerechnet der Generalsekretär seiner Regierungspartei LDP, dessen Aufgabe es eigentlich sein sollte, seinem Chef das Leben so einfach wie möglich zu machen, hat am Donnerstag die Diskussion um die Austragung von Olympia in Tokio mit einem unerwarteten Statement angeheizt.

Denn anstatt die stockenden Impfstofflieferungen oder die steigende Corona-Müdigkeit im Inselstaat zum Thema seiner Aussage zu machen, sprach Toshihiro Nikai offen davon, dass eine Absage der Sommerspiele wegen der Corona-Pandemie eine mögliche Option sei. "Wenn es unmöglich wird, die Spiele auszutragen, dann müssen sie definitiv abgesagt werden", sagte Nikai Medienberichten vom Donnerstag zufolge bei einer TV-Aufzeichnung des Senders TBS. "Wenn es einen starken Anstieg der Infektionen wegen Olympia geben sollte, dann ergibt es keinen Sinn, Olympia zu haben", fügte der Politiker hinzu. Nikai betonte aber auch, dass erfolgreiche Sommerspiele für Japan sehr wichtig und eine "große Chance" seien. Er wolle Olympia zu einem Erfolg machen. Die Organisatoren hatten zuletzt immer wieder eine Absage der bereits um ein Jahr verlegten Tokio-Spiele ausgeschlossen.

Bevölkerung gegen Olympia

Auf die Aussage seines Generalsekretärs angesprochen, reagierte Premier Suga ausweichend. Die Regierung werde "alles Mögliche" unternehmen, um die Verbreitung des Virus vor Olympia einzudämmen, sagte er, betonte aber auch, dass sich an der Haltung der Regierung, die Spiele wie geplant auszurichten, nichts geändert habe. Tadel für Nikai gab es nicht, was Raum für die Spekulation lässt, der Parteimann könnte vorab als Überbringer der theoretischen schlechten Nachricht ausgeschickt worden sein, um damit der Regierung im Falle des Falles das Gesicht zu wahren. Denn dass Suga mit seinem Ja zu Olympia bei der Bevölkerung nicht nur auf Gegenliebe stößt, wird ihm wohl bewusst sein. Tatsächlich wächst hier wegen der steigenden Neuinfektionen die Angst vor einer Ausbreitung des Virus durch Olympia. So hatte sich zuletzt eine klare Mehrheit der Japaner in Umfragen für eine Absage oder erneute Verschiebung der Spiele ausgesprochen.

Dass ausländischen Fans und sogar den Familienmitgliedern der Athletinnen und Athleten die Einreise nach Japan im Sommer verwehrt bleibt, dürfte an dieser Ansicht nicht viel ändern. Um ganz sicher zu gehen, deutete der für die Impfstoff-Verteilung zuständige Minister Taro Kono nun an, dass auch japanische Anhänger ausgesperrt werden könnten. Die aktuelle Lage könne bedeuten, "dass es wahrscheinlich keine Zuschauer" in den Sportstadien geben werde. Die Spiele würden "deutlich anders" als frühere Auflagen sein. Eine Entscheidung über die Zulassung einheimischer Fans und die Stadionkapazitäten war noch für April angekündigt. Erst am Mittwoch hatten die Organisatoren den 100-Tage-Countdown bis zur Eröffnungsfeier am 23. Juli gestartet - und damit Absage-Spekulationen wieder relativiert. "Friendly fire" hin oder her.(rel/apa)