Olympia hat einen Lauf, könnte man sagen. Und normalerweise würde man auch sagen: Ja eh, einen Fackellauf. Doch der kann etwas mehr als zwei Monate vor der geplanten Eröffnung in Japan nur sehr eingeschränkt stattfinden, die größten Schlagzeilen machte er nicht durch stimmungsvolle Feste in den Straßen, wie er sonst so gerne zelebriert wird, sondern durch die Absage einer 118-jährigen als Teilnehmerin vorgesehenen Frau. Sie könne es nicht verantworten, wenn sie das Coronavirus in ihr Altenheim einschleppen würde, sagte sie laut ihrer Familie in der Vorwoche. Das saß für die Veranstalter.

Der Lauf, den Olympia derzeit hat, ist also eher negativer Natur. Die Verschiebung vom Vorjahr auf diesen Sommer hat die Kosten, die steigenden Zahlen an Neuinfektionen die Sorgen der Bevölkerung wachsen lassen. Und nicht nur der: Denn wie am Donnerstag bekannt wurde, haben dutzende Städte ihre Gastgeberrolle aufgegeben. Die Zeitung "Nikkei" und andere Medien berichteten unter Berufung auf Regierungskreise, dass sich zwischen 30 und 40 Gemeinden zurückgezogen hätten, die sich im Rahmen des "Host Town"-Programms als Trainingslager für ausländische Athleten und zum kulturellen Austausch angeboten hatten. Tokios Nachbarprovinz Chiba gab unterdessen bekannt, vom US-Leichtathletikverband informiert worden zu sein, dass er aus Sorge um die Sicherheit auf das dort geplante Trainingslager verzichten werde. Auch das britische Rollstuhl-Basketballteam sowie die russischen Fechter werden laut der Agentur Kyodo nicht wie geplant in Chiba trainieren.

Zwangsoptimismus

Zwar wolle die japanische Regierung die zusätzlichen Kosten der Gastgeberstädte für Corona-Maßnahmen decken und habe Richtlinien erarbeitet, doch kleinere Gemeinden hätten nicht genug Personal für die zusätzlichen Aufgaben. Außerdem habe eine zunehmende Zahl an ausländischen Delegationen von sich aus einen Rückzieher gemacht. Zum Ende April hätten sich 528 Gemeinden in Japan angemeldet, um Athleten aus 184 Ländern und Regionen willkommen zu heißen, berichtete Kyodo. Die Regierung habe die Gemeinden aufgerufen, den kulturellen Austausch online fortzusetzen.

Doch im Netz spielt sich derzeit auch anderes ab: Dort formierten sich nämlich zuletzt die Olympia-Gegner: Mehr als 330.000 Menschen haben schon eine Petition unterzeichnet, die vom Internationalen Olympischen Komitee und der Regierung von Ministerpräsident Yohihide Suga fordert: "Sagen Sie die Spiele ab, um unser Leben zu schützen." Sowohl Suga als auch IOC-Chef Thomas Bach betonen allerdings, man werde an den Spielen festhalten.

Ein Besuch des Deutschen in Tokio musste zwar erst kürzlich abgesagt werden, Verhalten bis trotzig klingen aber die Beschwichtigungen und Zuversichtsbekundungen. "Wir werden unser Bestes tun, um Leben und Gesundheit zu schützen und ein sicheres Sportfest zu veranstalten", sagt der innenpolitisch unter Druck geratene Suga. IOC-Sprecher Mark Adams meint: "Wenn die Spiele laufen und die Japaner stolze Gastgeber eines Events sind, das einen historischen Moment darstellt, wird die Meinung klar zugunsten der Veranstaltung sein." Eh klar: Wenn’s läuft, dann läuft’s - wenn auch derzeit nicht ganz in die unerwünschte Richtung.(art)