Die Spiele von Tokio werden im Ausnahmezustand ausgetragen. Zuschauer müssen draußen bleiben, Kontakte sind verboten. Eine knappe Woche vor dem Olympiastart liegen die Nerven blank in Japan. Wenn das Athletendorf eröffnet, wird normalerweise eine große Party geschmissen. Hier sind schließlich diejenigen beherbergt, die über die kommenden Wochen mit ihren Höchstleistungen die Welt beeindrucken. Das sollen sie auch in Tokio tun, wenn nächsten Freitag die Olympischen Spiele eröffnet werden. Nur ohne jede Feierlichkeit. Am Montag schrieb das Organisationskomitee an die Presse: "Das Athletendorf wird wie geplant morgen eröffnet. Aber bitte verstehen Sie, dass es keine Möglichkeit gibt, vor Ort zu filmen. Entschuldigung für die kurzfristige Notiz."

Daran, dass einstige Ankündigungen plötzlich nicht mehr gelten, hat man sich im Rahmen der Spiele von Tokio längst gewöhnt. Japan sollten sie einen Wirtschaftsaufschwung bringen, in Wahrheit werden sie ein Milliardengrab. Neue Einflüsse von außen sollten ins Land kommen, aber Zuschauer aus dem Ausland - ob geimpft oder nicht - wurden gleich als erstes verboten. Jeglicher Austausch zwischen den Athleten und der Bevölkerung ist auch tabu. Die Sportler und Offiziellen müssen sich in einer Blase bewegen, dürfen mit niemandem für mehr als 15 Minuten zusammenstehen. In einem Korridor mit Shuttlebussen bewegen sie sich zwischen dem Olympischen Dorf oder Hotel und den Spielstätten. Pressekonferenzen gibt es nur digital. Maskentragen und tägliche PCR-Tests sind Pflicht. Und jede Sportlerin soll von einem Offiziellen aus der eigenen Delegation, der sie eigentlich unterstützen sollte, zugleich bewacht werden: ob die Speichelprobe auch richtig war, ob vorher kein Wasser getrunken wurde, ob es auch wirklich keinen engen Kontakt zu anderen Athleten gab.

Bisher 55 Corona-Fälle rund um Olympia

Genutzt hat das freilich wenig. Schon vor dem Start der Spiele gibt es die ersten Corona-Fälle im Athletendorf. Zwei südafrikanische Fußballer und ein Betreuer des Teams wurden am Wochenende positiv auf das Virus getestet. Eilig verkündete IOC-Olympiadirektor Christophe Dubi: "Wir halten das Risiko minimal, aber es ist unvermeidlich, dass wir einige Fälle haben." Zudem musste das Internationale Olympische Komitee auch einen positiven Test beim südkoreanischen IOC-Mitglied Ryu Seung-Min bei der Einreise in Japan bestätigen. Inzwischen wurden seit 1. Juli offiziell 55 Neuinfektionen im Umfeld von Corona gemeldet. "Wir glauben, dass wir die Lage im Griff haben", meinte allerdings Hidemasa Nakamura, der Leiter der zuständigen Abteilung des Organisationskomitees.

Besonders hart treffen die Organisatoren die Fälle im olympischen Dorf, in dem auch schon österreichische Sportler wohnen. IOC-Präsident Thomas Bach hatte noch vor wenigen Tagen beteuert, vom Dorf mit seinen tausenden Bewohnern gehe "null Risiko" aus. Olympia-Direktor Dubi bekräftigte am Sonntag, es handle sich dort um die "am meisten kontrollierte Bevölkerungsgruppe der Welt". Werde eine Infektion entdeckt, werde "jeder Stein umgedreht", um eine Ausbreitung des Virus zu vermeiden. Eigentlich hatten die Gastgeber mit einem strikten Regelwerk verhindern wollen, dass Infektionen im Dorf auftreten.

Im Flüchtlingsteam, das bei Olympia antritt, gab es einen Corona-Falls im Vorbereitungscamp. Trotzdem rechnet IOC-Chef Bach fest mit dem Start des Refugee Olympic Team. Weitere Fälle habe es im Trainingslager in Katar nicht gegeben. Am Sonntag bekräftigte das IOC, dass alle 26 Athleten sowie 16 Trainer und zehn Betreuer aus dem Trainingslager in Katar nach Tokio reisen werden. Die ersten Mitglieder des Teams wurden schon am Sonntag auf dem Flughafen Narita erwartet.

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Einschränkungen auch außerhalb der Athletenblase

Auch außerhalb der Athletenblase muss der Spaß von Olympia diesmal ausfallen. Vor kurzem verhängte Japans Regierung zum vierten Mal seit Beginn der Pandemie einen Ausnahmezustand über die Hauptstadtregion um Tokio. Damit hat ein softer Lockdown, der ab Ende April und bis vergangenen Monat ohnehin galt, von Neuem begonnen: Menschen sollen möglichst daheimbleiben, Treffen in Gruppen vermieden, Alkohol nicht ausgeschenkt werden. Das Ganze gilt zunächst bis zum 22. August. Und damit bis nach den Olympischen Spielen, die am 23. Juli für zweieinhalb Wochen stattfinden sollen.

Bei der Zuschauerfrage haben die Organisatoren auch wieder eine Kehrtwende gemacht. Die Ende vergangenen Monats noch verkündete Marschroute, in jeder Spielstätte sollten bis zu 10.000 oder die Hälfte der Plätze besetzt werden, wurde wieder verworfen. Die Spiele in Tokio werden jetzt doch ohne Zuschauer in den Stadien laufen.

Hintergrund für den Entschluss waren die erneut steigenden Neuinfektionszahlen. Japan ist mit derzeit 825.000 Infektionen und 15.000 Todesfällen - bei einer Bevölkerung von 126,5 Millionen - weiterhin relativ milde vom Coronavirus betroffen. Doch angesichts der alternden Bevölkerung und eines Mangels an Intensivbetten arbeiten viele Krankenhäuser schon länger an der Kapazitätsgrenze. Hinzu kommt, dass bisher nur rund 18 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft ist. Die Impfkampagne begann erst im Februar, zudem ist Skepsis vor Impfstoffen weit verbreitet. So ist das Land auch anfälliger für die Deltavariante des Coronavirus, die in Tokio schon einen Großteil der Neuinfektionen ausmacht.

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Japaner mehrheitlich gegen Austragung der Spiele

"Herzzerreißend" sei der Beschluss zu leeren Stadien, findet Tokios Gouverneurin Yuriko Koike. Schließlich hat die Sportveranstaltung damit noch mehr von ihrem eigentlich immer betonten Charakter verloren: dass sich die ganze Gesellschaft an ihnen erfreuen könne. Vielmehr wirken diese Spiele als eine Veranstaltung, die gegen die Gesellschaft durchgezogen wird. Eine klare Mehrheit in Japan ist seit dem Ausbruch der Pandemie nicht mehr für die Austragung im vergangenen oder diesen Sommer. Und eine vom IOC und den Tokioter Organisatoren zuletzt häufig erwähnte Ankündigung kommt nun besonders ironisch daher: Die Spiele von Tokio würden den Sieg der Menschheit über die Pandemie verkünden. Statt an einen Triumph erinnert die bevorstehende Veranstaltung schon jetzt eher an die Devise: "Augen zu und durch."

- © afp / Philip Fong
© afp / Philip Fong

Dabei gilt der Entschluss zu Spielen vor leeren Rängen - zumindest nach aktuellem Stand - nicht für alle Stadien. Ausschließlich davon betroffen sind nur die Spielstätten in und um Tokio, wo der Großteil der Wettbewerbe stattfindet, sowie in Fukushima. In der nördlichen Präfektur Ibaraki, wo im Kashima-Stadium Fußball gespielt wird, sollen tagsüber Schulkinder einen Teil der Plätze besetzen. In der noch weiter nördlich gelegenen und vom Coronavirus weniger betroffenen Präfektur Miyagi, Austragungsort für Fußball, soll weiterhin die Hälfte der Kapazität genutzt werden. Ebenso sieht es für das im westlich von Tokio gelegene Shizuoka aus, Austragungsort für Radsport.

Den Veranstaltern verlangt der Entschluss zu weitgehend leeren Spielstätten erneute Zusatzarbeit ab. Nachdem schon vor der Pandemie ein Großteil der Tickets verkauft gewesen war, wurde zuletzt ein neues Lotterieverfahren aufgesetzt, um die geringere Zahl verfügbarer Eintrittskarten neu zu verteilen. Nun wird dies ausgesetzt, ursprüngliche Ticketinhaber werden entschädigt.

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Allein durch den Wegfall der Ticketeinnahmen entgehen den Veranstaltern Einnahmen von rund 90 Milliarden Yen (rund 690 Millionen Euro). Bei Pressekonferenzen versuchen die Veranstalter, alle möglichen Probleme herunterzuspielen. "Was auch immer geschieht, wir werden Sport betreiben", sagt IOC-Präsident Thomas Bach.

Premierminister Yoshihide Suga betont unterdessen, dass der Entschluss zum erneuten Ausnahmezustand und dem weitgehenden Zuschauerverbot für die Wettkämpfe der Sicherheit aller - Beteiligten wie Bevölkerung - diene. Der Premier wirkte nervös, als er das sagte. Fast so, als glaubte er selbst nicht dran. Sicherer wäre es, so sehen es in Japan die meisten, man hätte die ganze Veranstaltung abgesagt.