Wegen der besorgniserregenden Corona-Lage in Japan sowie vielen anderen Ländern stehen die OlympiaOrganisatoren in Tokio in der Kritik. Für den gesamten Zeitraum der Sommerspiele gilt in der Metropole der Corona-Notstand. Dennoch haben die Sorgen der Öffentlichkeit mit der Zunahme von Covid-19-Fällen in Tokio zugenommen, dass die Ausrichtung einer Veranstaltung mit zehntausenden ausländischen Athleten, Beamten und Journalisten das Infektionsgeschehen weiter beschleunigen und der Nation neue gefährlichere Varianten bescheren könnte. Die Organisatoren hatten versprochen, die Spiele mit einer "Blase" sicher zu halten, die Bewegungen der Teilnehmer einzuschränken und häufige Tests vorzuschreiben.

Das klingt in der Theorie ganz gut, in der Praxis eher nicht. So haben Experten bereits einige Lücken im System ausgemacht. "Es ist offensichtlich, dass das Blasensystem irgendwie kaputt ist", sagte Kenji Shibuya, der ehemalige Direktor des Instituts für Bevölkerungsgesundheit am King’s College London. "Meine größte Sorge ist natürlich, dass es im (Olympischen) Dorf zu Clustern kommt." Und die Zahlen scheinen den Kritikern recht zu geben. Seit dem 1. Juli, also mit Beginn der Einreise von Athleten und Funktionären, gab es in Japan 67 Fälle von Covid-19-Infektionen unter den akkreditierten Personen, teilten die Organisatoren am Dienstag mit. Japan hat bisher in der Pandemie mehr als 838.000 Corona-Infektionen und rund 15.000 Todesfälle verzeichnet. Doch damit nicht genug: So erlebt Tokio derzeit einen neuen Anstieg, wobei der siebentägige gleitende Durchschnitt der Fälle am Montag bei etwas über 1.100 liegt. Zudem ist die Impfrate in Japan niedrig. Erst 22 Prozent der japanischen Bevölkerung sind vollständig geimpft.

Der Chef der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus, erklärte unterdessen am Dienstag in einer Twitter-Nachricht zu Olympia in Tokio, dass das Coronavirus besiegt werden könne, wenn alle ihren Beitrag leisteten. "Mögen diese Olympischen Spiele 2020 in Tokio eine Quelle der Hoffnung und der Einheit sein, um Impfstoffgerechtigkeit zu erreichen und die Pandemie zu beenden." Die WHO hatte die Olympia-Organisatoren und das IOC bei den Maßnahmen beraten, die während der Spiele vom 23. Juli bis 8. August zu ergreifen sind.

Im Schatten der Corona-Pandemie stand daher auch der Auftakt der 138. Session des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Tokio. Dabei versuchte IOC-Präsident Thomas Bach den Spagat, die Olympischen Spiele als gelungenes Projekt zu präsentieren, ohne dabei die Krise kleinzureden. Einerseits erhoffe er sich, erklärte der 67-jährige, von Olympia "eine kraftvolle Botschaft in die Welt". Zugleich berichtete er von "schlaflosen Nächten". "Wir hatten jeden Tag Zweifel", sagte er.

Versicherung nicht kassieren

Nicht ohne Pathos ergänzte Bach, dass die olympische Bühne für die Athletinnen und Athleten bereitet sei, "um zu strahlen und die Welt zu inspirieren". Olympia werde "den Menschen Vertrauen in die Zukunft geben", meinte der Deutsche. Zugleich gab er zu, er hätte nicht gedacht, wie schwer es sein würde, die Spiele in Tokio auszurichten. "Ich kann zugeben, dass wir nicht wussten, wie komplex das sein würde. Die einzige Gewissheit, die wir hatten, war, anstatt die Versicherung einzukassieren, viel mehr zu investieren, um diese Olympischen Spiele zu ermöglichen", sagte Bach.

Für Japans Premier Yoshihide Suga, der auch an der IOC-Session teilnahm, gibt es trotz des Corona-Notstands in Tokio und der anhaltenden Mehrheiten gegen die Spiele freilich kein Zurück mehr. Der Preis dafür sind Sportbewerbe ohne Publikum. IOC-Chef Bach glaubt jedoch auch mit leeren Stadien an die Macht der Bilder. Milliarden Menschen würden die Spiele verfolgen und "bewundern, was die Japaner geleistet haben", sagte der Deutsche. Immer wieder hatte Bach in den vergangenen Monaten die Solidarität der olympischen Welt beschworen. Auf seinen Vorschlag änderte die Session nun sogar das olympische Motto von "schneller, höher, stärker" in "schneller, höher, stärker - gemeinsam".

Immerhin für die australischen Delegierten gibt es bei dieser Session etwas zu lachen, zumal die Metropole Brisbane fest mit dem Zuschlag für die Sommerspiele 2032 rechnen darf. Brisbane geht als bevorzugter Bewerber in die Entscheidung. Allein Corona wird wohl bei diesen Spielen keine Rolle mehr spielen.(apa/rel)