Die Fahrt durch Futaba muss erst eine Weile dauern, bis sich etwas zeigt, das optimistisch stimmen könnte. "Hier war die alte Shotengai, die Einkaufsmeile", sagt Tatsuhiro Yamane und deutet die flache, verlassene Straße entlang. Eben ist er an einem zerfallenen Ziegeldach vorbeigefahren, das mal das Prachtstück eines buddhistischen Tempels war. Nun liegt rechts ein alter Fleischerladen. Die Fenster zersprungen, drinnen ist alles verwüstet, die Decke eingestürzt. Daneben ein verlassenes Uhrengeschäft, das so heruntergekommen ist, dass hier seit Jahren nur noch streunende Tiere hausen.

"Da drüben ist der Schrein der Gemeinde", sagt Tatsuhiro Yamane und stapft linker Hand einen Kiesweg entlang. Im Schatten prächtiger Baumkronen und besungen von laut zirpenden Grillen steht das Gebetszentrum da wie der Stolz eines Ortes: ein Eingangsbereich aus glänzendem Marmor, die Türen des Schreins aus neuem hellem Holz. Das alte Dach, das den Schock irgendwie überlebte, wurde auf die neue Struktur obendrauf gesetzt. "Dieses Dorf ist zwar seit Jahren verlassen. Aber die Einwohner haben Geld gesammelt, um wenigstens ihren Schrein zu restaurieren, damit die Götter wiederherkommen können", sagt Yamane. "Das rührt mich jedes Mal, wenn ich herkomme. Das hier ist mein Lieblingsort hier."

Yamane ist seit einigen Jahren in Futaba zuhause, auch wenn er nicht im Ort leben kann. Der 36-Jährige kam im Sommer 2013 als Aufbauhelfer, gut zwei Jahre nach der Riesenkatastrophe. Seine Aufgabe war es, eine Chronik der verlassenen Ortschaft zu erstellen, damit Erinnerungen nicht verlorengehen. Und je mehr er die quer durchs Land verstreuten Evakuierten nach Erinnerungen an Futaba fragte, umso enger wuchs ihm das traditionsreiche Dorf, das erst von der Landwirtschaft und später von der Atomkraft lebte, ans Herz. Der junge Mann aus Tokio heiratete eine Frau aus Futaba, seit Anfang des Jahres ist er auch Gemeinderatsmitglied, muss diesen Job allerdings aus der einer Stunde südlich gelegenen Großstadt Iwaki ausführen. Er steigt ins Auto und steuert die Küste an. "Sobald es wieder möglich ist, wollen wir mit der Familie nach Futaba ziehen." Ein Zeichen setzen, damit auch andere zurückkommen.

Im März 2011 war die Katatstrophe über das Land hereingebrochen. 
- © afp / Toru Yamanaka

Im März 2011 war die Katatstrophe über das Land hereingebrochen.

- © afp / Toru Yamanaka

Gut 6.000 Einwohner lebten einst in diesem Ort, den man heute Geisterstadt nennt. Als am 11. März 2011 zuerst die Erde mit einer historischen Stärke von 9,0 bebte, dann ein an die 20 Meter hoher Tsunami über die Nordostküste des Landes hereinbrach, erlitt Japan die größte Katastrophe seiner jüngeren Geschichte. Ganze Dörfer wurden vom Ozean geschluckt oder durchs Erdbeben erschüttert. Hunderttausende verloren ihr Zuhause, ungefähr 20.000 Menschen starben.

Als wäre das nicht genug gewesen, havarierte noch das in Futaba und dem Nachbarort Okuma gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi. So mussten hier auch jene Einwohner landeinwärts das Weite suchen, deren Häuser der Tsunami oder das Erdbeben physisch nicht zerstört hatte. Die dort gemessene radioaktive Strahlung war bei Weitem zu hoch, als dass ein Leben hier noch möglich gewesen wäre. Nach den Kernschmelzen in den Reaktorblöcken 1, 2 und 3 wurde im Umkreis von 30 Kilometern der Kraftwerksruine alles evakuiert.

In den Wochen, als Tatsuhiro Yamane zum ersten Mal vom südöstlich gelegenen Tokio gen Norden nach Futaba fuhr, um sich inmitten der Zerstörung ein bisschen nützlich machen, wurde am anderen Ende der Welt Großes verkündet. "Einige von Ihnen machen sich womöglich Sorgen über Fukushima", sagte der damalige Premierminister Shinzo Abe, "aber lassen sie mich Ihnen versichern: Die Situation ist unter Kontrolle." Diese Haltung, die Abe am 7. September 2013 auf der Generalversammlung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) in Buenos Aires offenbarte, dürfte entscheidend dazu beigetragen haben, dass Japans Hauptstadt das Austragungsrecht für die Sommerspiele 2020 gewann. Aus dem Fragezeichen der radioaktiven Strahlung machte Abe ein Ausrufezeichen: Tokio, die Metropole mit der weltweit stärksten Wirtschaftskraft, sei der zuverlässigste Austragungsort überhaupt. Und indem die größte Sportveranstaltung der Welt nach Japan käme, würden auch die beschädigten Gebiete im Nordosten profitieren. Als die Tokioter Bewerber mit gewonnenem Austragungsrecht zurück nach Japan reisten, prägten sie das Motto "fukkou gorin" - Spiele des Wiederaufbaus.

Rückgriff auf die Vergangenheit

Die Idee war hochtrabend und nicht gerade verlegen um historische Vergleiche. Im Jahr 1964 war Tokio erstmals olympischer Gastgeber. 19 Jahre nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg, der für Japan mit Atombomben über Hiroshima und Nagasaki sowie Luftangriffen auf fast jede Großstadt geendet hatte, präsentierte sich Japan damals als wiederauferstanden. Die diesjährigen Spiele finden im selben Geist statt: Die Wehen der Krise sollen abgeschüttelt werden, der Blick in eine schmerzvolle Vergangenheit in die Zukunft gewendet werden. Um dies zu symbolisieren, laufen die Olympischen Spiele in Fukushima schon seit Mittwoch, zwei Tage vor der Eröffnungsfeier in Tokio. Im Azuma Stadion in der Präfekturhauptstadt Fukushima-Stadt finden Spiele im Softball und Baseball statt.

Zumindest im Stadion sieht man nichts mehr von den Verwüstungen. 
- © Felix Lill

Zumindest im Stadion sieht man nichts mehr von den Verwüstungen.

- © Felix Lill

Und tatsächlich ist seit der Katastrophe einiges passiert. Vertreter der nationalen Regierung in Tokio sowie der Präfektur von Tokio haben es zuletzt immer wieder betont: Mehr als 90 Prozent der im Frühjahr 2011 zerstörten Gebäude sind wiedererrichtet. Die Wirtschaftskraft der Region hat in etwa ihr Vorkrisenniveau erreicht. Zudem signalisiert man dem Ausland und anderen Regionen in Japan, dass die von hier aus in den Verkauf gehenden Lebensmittel wie Reis, Pfirsich und Fisch sicher sind: Alle von ihnen werden auf Radioaktivität geprüft. Und in die meisten der einst geräumten Orte haben Rücksiedlungen begonnen. Rund 40.000 Personen sind offiziell aber noch nicht zurückgekehrt.

"Das mit den Wiederaufbauspielen war doch vor allem PR", sagt Takanori Asami. Nach der Mittagspause, in der heute nur wenige zum Essen gekommen sind, putzt er die Arbeitsplatte seiner Küche. Der Foodcourt, der im vergangenen Jahr an der Küste von Futaba eingerichtet wurde, als nebenan ein Museum über die Katastrophe von 2011 eröffnete, ist eines der Wahrzeichen des bisherigen Wiederaufbaus. Takanori Asami bietet in seinem Restaurant Yakisoba an, ein Gericht würzig-süß gebratener Nudeln, für das der Nachbarort Namie traditionell bekannt ist. Die Stadt, in der Takanori Asami bis zur Katastrophe lebte, musste ebenfalls evakuiert werden, teilweise Rücksiedlungen wurden 2017 wieder angeordnet.

An einigen Stellen dort liegt die gemessene Radioaktivität heute unterhalb von 0,23 Mikrosievert pro Stunde. Dies ist der Richtwert der Regierung von vor der Atomkatastrophe, bei dem die Regierung von sicheren Lebensbedingungen ausging. Vielerorts sind die Werte aber noch deutlich höher. Nach der Atomkatastrophe wurde schließlich der Schwellwert empfohlener Strahlenbelastung auf das 20-Fache angehoben. So ist Namie, das durch Dekontaminierungsarbeiten vermeintlich sicher geworden ist, nun wieder bewohnt. Und die Angst ist miteingezogen. "Du kannst es nicht riechen, schmecken oder fühlen. Es ist einfach da. Das hier ist unsere Heimat. Aber sie ist anders als die alte, an die wir uns erinnern."

Ein Kalender dokumentiert das Jahr 2011

Tatsuhiro Yamane schaltet den Motor aus, als er ein Wohngebiet erreicht hat. Ein paar Bagger rollen hier, reißen alte Häuser ab. Der Lokalpolitiker deutet hinter verwachsene Hecken und geht voran. "Hier lebte meine Frau mit ihrer Mutter, bis sie weg mussten." Ein stattliches Haus mit zwei Stockwerken und einem Vorgarten aus Kies. Als Yamane die Glastür zum Wohnzimmer aufschiebt, gelangt abgestandener Geruch nach draußen. Auch hier ist die Decke eingestürzt, alte Kleider liegen auf dem Boden, ein Kalender dokumentiert das Jahr 2011. "An den Tagen nach der Katastrophe hatten sie zwei Stunden Zeit, um das Wichtigste mitzunehmen." Bis heute überlegen Tatsuhiro Yamane und seine Frau, ob sie das Haus abreißen lassen, da sie hier, wo die Strahlung weiterhin deutlich über den Grenzwerten liegt, ohnehin nie wieder einziehen werden.

Von der Erholung, zu der Olympia beitragen sollte, spürt Tatsuhiro Yamane nichts. All das Geld, das in die Olympischen Spiele investiert wurde, sei hier kaum angekommen. "Die Bedürfnisse der Menschen hier wurden auch wenig angehört." So bezweifelt der ehemalige Baseballspieler, ob er sich für die Olympischen Spiele erwärmen kann, obwohl sein geliebter Sport nun hier in der Nähe ausgetragen wird. Aber eben doch nicht wirklich in der Nähe. Fukushima-Stadt, das nie evakuiert werden musste, liegt rund 60 Kilometer westlich von Futaba und der Atomruine. Das eigens für die Wettkämpfe renovierte Stadion wurde nie beschädigt. Wie ein Symbol für den Wiederaufbau von Fukushima kann dieses Stadion nur aus der Ferne aussehen. Und dass es wirklich so gesehen wird, ist an der Küste eher eine Befürchtung als eine Hoffnung.

Beim Gedanken an den Slogan "fukkou gorin" sagte Yakisoba-Koch Takanori Asami am Nachmittag: "Ich hoffe, dass mit Ende der Olympischen Spiele dann nicht auch gleich der Wiederaufbau für vollbracht erklärt wird." Denn so weit sei man noch lange nicht.