Die Olympischen Spiele werden den Sieg der Menschheit über das neuartige Coronavirus markieren." Shinzo Abe, der diese Worte im März 2020 gegenüber der versammelten Presse in Tokio aussprach, regiert Japan schon seit fast einem Jahr nicht mehr. Aber an die Worte des Ex-Premiers dürfte sich noch jeder im Land erinnern. Im selben Monat mussten die Spiele um ein Jahr verschoben werden, weil es zumindest nicht mehr nach einem schnellen Sieg über die Pandemie aussah. Knapp eineinhalb Jahre später wird die größte Sportveranstaltung der Welt nun heute doch eröffnet (13 MESZ), und die Lage ist nicht besser geworden.

Zwar sind von den zehntausenden Athletinnen, Offiziellen und Journalisten rund 80 Prozent gegen das Coronavirus geimpft. In der japanischen Bevölkerung liegt dieser Anteil jedoch bei kaum 20 Prozent. In mehreren Gegenden im Land sind die Krankenhäuser überlastet. Über die Hauptstadt ist der Ausnahmezustand verhängt. Dennoch hat auch Yoshihide Suga, der Nachfolger von Shinzo Abe als Premierminister, dessen Worte dieses Jahr wiederholt - und dann nach und nach diverse Schritte eingeleitet, die offenbarten, dass Tokio diesen Sommer keineswegs den Sieg über die Pandemie verkünden kann, wie etwa den Ausschluss von Zuschauern. So heißt "Tokyo 2020", wie sich die Spiele auch nach der Verschiebung noch offiziell nennen, kaum die Welt willkommen.

Geht es nach der japanischen Bevölkerung, so ist dies auch, gegeben den Umständen, besser so. Zur Sorge vor einer weiteren Verbreitung des Coronavirus kommt, dass viele finden, es sei jetzt einfach nicht der Zeitpunkt, ein Fest zu veranstalten, das auf Jubeln angelegt ist. Dreht man die Zeit um ein Jahrzehnt zurück, war die Stimmung damals schon ähnlich. Auch wenn viele den Zuschlag feierten, gab es doch angesichts der Fukushima-Katastrophe, die das Land zwei Jahre davor erschüttert hatte, Zweifel. Heute machen viele die Olympischen Spiele sogar dafür verantwortlich, dass sich die Lage nicht verbessert hat. Denn mehrere Bauprojekte in der Krisenregion im Nordosten wurden nicht zuletzt durch die hohe Aktivität in Tokio geradezu verhindert. In der Hauptstadt war die Nachfrage nach Bauarbeitern und Materialien so hoch, dass in vor zehn Jahren zerstörten Orten eine Turnhalle oder ein Shoppingcenter nicht weitergebaut werden konnte.

Geschönte Wirtschaftsprognosen

Ökonomische Fragen sind generell zu einem Reizthema geworden. Als die japanische Gesellschaft anfangs skeptisch gegenüber den Tokioter Bewerbungsplänen war, rechneten die Verantwortlichen vor, wie sehr die Wirtschaft profitieren würde. 32 Milliarden US-Dollar an Mehrwert würden sie schöpfen, hieß es - und dies ohne Einsatz von Steuergeldern. Die sechs Milliarden US-Dollar, die das Bewerbungsbudget als Kosten veranschlagte, sollten aus privaten Quellen beschafft werden. Über die Zeit drehten sich die Zahlen um. 2016 schätzte eine von der Tokioter Metropolregierung eingesetzte Kommission, dass die Kosten auf bis zu 30 Milliarden ansteigen könnten, wenn nicht gespart würde. Und als unabhängige Ökonomen die Ertragsprognosen unter die Lupe nahmen, kritisierten sie große Übertreibungen. Würde man von Olympia unabhängige Investitionen wie den Ausbau des 5G-Netzes rausrechnen, stünden die Einnahmen nur noch bei rund einem Viertel. Auch die Verkündung, das Ganze würde keine Steuergelder kosten, war von Anfang an eine kreative Rechnung: Die Stadienbauten hatte man dafür ignoriert.

Ehrlichkeit war wohl von Anfang an keine Stärke der Organisatoren. Ebenfalls 2016 kam heraus, dass die französische Staatsanwaltschaft gegen den Chef des Bewerbungskomitees und damaligen Vorsitzenden des Japanischen Olympischen Komitees, Tsunekazu Takeda, wegen Verdachts auf Stimmenkauf ermittelt. Takeda beteuerte stets, das Austragungsrecht sei sauber erworben worden. Er trat dennoch zurück.

Ähnlich erging es Anfang diesen Jahres Yoshiro Mori, dem ehemaligen Premier und bis dahin Vorsitzenden des Organisationskomitees. Als er gesagt hatte, Frauen zögen Meetings ständig in die Länge, weshalb er lieber weniger davon in seinen Versammlungen sähe, folgte ein Sturm der Entrüstung. Mori, der immer wieder mit wenig fortschrittlichen Äußerungen aufgefallen war, wollte das nicht so gemeint haben. Aber auch er trat zurück. Denn für den Leitspruch "Einheit in Vielfalt", mit dem "Tokyo 2020" Diversität und Offenheit fördern will, sah Mori nicht mehr gut aus. In den Tagen vor der Eröffnung mussten nun auch der Komponist für die Feier und der Kreativdirektor wegen Witzen über den Holocaust - ein Video des früheren Komikers aus dem Jahr 1998 war aufgetaucht - beziehungsweise Mobbings von behinderten Kindern aus seiner Schulzeit gehen.

Selbst der Kaiser soll besorgt sein

Unter den Organisatoren liegen die Nerven blank. Seit Wochen wird regelmäßig gegen die Spiele protestiert. Die großen TV-Kanäle und Zeitungen zeigen davon zwar wenig. Wie insgesamt ungefähr 60 Großunternehmen im Land gehören auch die fünf größten privaten Medienhäuser zu den offiziellen Sponsoren. Doch auch sie dürften mittlerweile wahrgenommen haben, dass sie sich und der japanischen Gesellschaft mit dem Engagement keinen Gefallen getan haben. Denn durch ihr investiertes Geld - kollektiv wurden rund drei Milliarden US-Dollar an privatem Sponsorengeld eingespielt, ein historischer Olympiarekord - wurde eine Absage dieser Spiele umso schwieriger. Der Autoriese Toyota ist mittlerweile auch schon auf Distanz gegangen.

Dabei kommen die Rufe nach einer Absage nicht nur von der Straße und aus sozialen Medien. Diverse Gesundheitsexperten haben betont, dass "Tokyo 2020" statt dem Sieg über die Pandemie zu einem Superspreadingevent werden könnte - zumal das Infektionsgeschehen in Tokio seit Wochen von der Delta-Variante geprägt ist. Selbst der Kaiser, so berichteten es japanische Medien Ende Juni, soll besorgt sein angesichts der Situation. Allerdings darf sich der laut Japans Verfassung nicht politisch äußern. IOC-Präsident Thomas Bach hingegen sagte diese Tage: "Das Wichtigste ist, dass diese Spiele stattfinden." So etwas mag mal nach Frieden und Völkerverständigung geklungen haben. Dieser Tage wirkt es in Tokio eher wie eine Drohung.