So hatte sich wohl das nationale Japanische Olympische Komitee (JOC) die Wiederauferstehungsparty nicht vorgestellt. Die anhaltende Corona-Pandemie, wegen der man ja die Sommerspiele auf heuer verschoben hatte, hat das Land fester im Griff als je zuvor - und von ungetrübter Feierlaune war weder beim traditionellen Fackellauf noch bei der Eröffnung am Freitagabend in Tokio eine Spur. Dabei hätte das JOC noch einen weiteren Grund gehabt, die Korken knallen zu lassen, feiert doch das Komitee in diesen Tagen sein 110. Bestandsjubiläum. Dabei war die Gründung des "Großjapanischen Sportverbands", wie das JOC 1911 noch hieß, ein Sprung ins kalte Wasser.

Die Olympischen Sommerspiele in Stockholm standen vor der Tür - das heißt, geplant waren sie erst für Juni und Juli 1912, aber nachdem die japanischen Inseln nicht an der Ostsee lagen und man die lange Anreise ebenso wie die nötigen Qualifikationsbewerbe rechtzeitig einplanen musste, war durchaus Feuer am Dach. Es war aber nicht nur die Geburtsstunde des JOC, sondern auch des Olympischen Sports als solchen, gelten doch die im November 1911 in Tokio durchgeführten "Ausschreibungskämpfe" als die ersten ihrer Art im Kaiserreich. Diese Tatsache war sogar der "Reichspost" eine Notiz wert, wo es unter anderem heißt: "Als eines der ersten Länder geht Japan, durch seine außerordentlich weite Entfernung vom Schauplatze Olympia und der damit verbundenen langen Reise gezwungen, seine Teilnehmer an den olympischen Spielen festzustellen. Am 19. November fanden in der japanischen Hauptstadt Tokio die Ausscheidungskämpfe statt, die gute Ereignisse brachten."

Letzter in allen Bewerben

Wobei, so gut waren diese Ergebnisse im Vergleich zu jenen Maßstäben, die europäische und nordamerikanische Sportler damals setzten, freilich noch nicht. Außerdem durften aus Kostengründen vonseiten des JOC nur zwei Athleten, der Sprinter Yahiko Mishima und der Marathonmann Shizo Kanakuri, die wochenlange Reise - erst per Schiff nach Wladiwostok, dann mit der Transsibirischen Eisenbahn an die Ostsee und weiter nach Stockholm - antreten. Bei der offiziellen Eröffnungszeremonie am 6. Juni 1912 war es Mishima, der einer einflussreichen, adeligen Familie entstammte, vorbehalten, als erster Athlet der japanischen Olympiageschichte (und vor den Augen des schwedischen Königspaares) die Nisshoki, also die Nationalfahne mit dem bekannten Sonnensymbol, durch das Stadion zu tragen. Sportlich sollte Mishima hingegen nicht so überzeugen und bei den Wettläufen über 100, 200 und 400 Meter stets den letzten Platz belegen.

Für gehöriges Aufsehen der anderen Art sorgte wiederum Mishimas Olympia-Teamkollege Shizo Kanakuri. Und zwar nicht, weil er - was niemand in Stockholm ahnen konnte - gar nicht für die Sommerspiele hätte zugelassen werden dürfen. (Wie sich herausstellte, war nämlich der vermeintliche Marathon-Rekord, den der Japaner im Rahmen der Qualifikation 1911 in Tokio aufgestellt hatte, unter falschen Voraussetzungen, zumal die Distanz um einen Kilometer zu kurz bemessen war, zustande gekommen.) Es war vielmehr sein plötzliches Verschwinden während des Marathonlaufs nördlich von Stockholm, das die Organisatoren, Polizei und Presse vor ein Rätsel stellte. Er kam nie im Zielraum an. War er untergetaucht? Oder auf der Strecke verunglückt und verstorben? Wo befand sich die Leiche?

Die Wahrheit erfuhren die schwedischen Behörden erst 50 Jahre später. Kanakuri war 1912, noch immer geschwächt von der langen Anreise, der ungewohnten schwedischen Kost und der ungewöhnlich großen Hitze, die am Tag des Marathons herrschte, auf halber Strecke kollabiert und von einem Bauern aufgepäppelt worden. Aus Scham, den Wettlauf nicht beendet zu haben und physisch gescheitert zu sein (er war nicht der Einzige), kehrte er, ohne die Kampfrichter oder die Behörden zu benachrichtigen, heimlich nach Japan zurück, wo er seine Karriere als Marathonläufer fortsetzte und - offenbar unerkannt - an den Olympischen Sommerspielen 1920 in Antwerpen und 1924 in Paris teilnahm, wenn auch - wie Mishima - mit nur mäßigem Erfolg.

Rekordspiele 1964 in Tokio

Die erste Medaille für Japan bei Sommerspielen ging 1924 übrigens nicht an einen Läufer, sondern den Tennisspieler Ichiya Kumagase, der am 23. August im Tennis-Einzel der Herren Silber holte. Als erster Olympionike aus Amsterdam nach Nippon kehrte vier Jahre später der Dreisprung-Athlet Oda Mikio zurück. Allein auf die erste weibliche Goldmedaillengewinnerin musste man in Tokio noch bis Berlin 1936 warten, als die Schwimmerin Hideko Maehata über 200 Meter Brust siegte. Damals erreichte die japanische Delegation mit 152 zugelassenen Teilnehmern ihren vorläufigen Höchststand bei Sommerspielen, ein Stand, den sie erst wieder 1960 in Rom übertreffen sollte (162). Für die ersten Nachkriegsspiele 1948 in London war das JOC aufgrund der Rolle des Kaiserreichs im Weltkrieg nicht eingeladen. Auch in den Jahren danach war die Medaillenausbeute mit maximal 19 Stück (1956) gering.

Dies sollte sich erst mit den ersten Heimspielen im Oktober 1964 in Tokio ändern. Nicht nur blies man die JOC-Delegation auf 328 Athleten - also so viele wie nie zuvor - auf, auch kam mit Judo eine Disziplin hinzu, in der man in sämtlichen Kategorien - mit drei Mal Gold und ein Mal Silber - reüssieren konnte. Als weitere Medaillenbanken erwiesen sich hier Gewichtheben, Ringen und Turnen, sodass man mit insgesamt 29 Mal Edelmetall auf den dritten Rang im Medaillenspiegel kam. Allgemein gilt Japan heute zu den erfolgreichen Nationen bei Olympia. Im Judo man mit 39 Olympiasiegen nach wie vor führend, ebenso im Turnen, Ringen und - im Schwimmen (80 Medaillen, 22 Olympiasiege). Bis heute sind Tokio 1964 und Athen 2004 mit jeweils 16 Olympiasiegen unerreicht.

Es sind das Zahlen, an die man bei den unter dem Eindruck der Corona-Pandemie stehenden Heimspielen in Tokio wohl nicht wird so leicht anschließen können. Aber es lief schon schlechter für Japans Olympiateam - schlag nach im Jahr 1912.