Die Niederösterreicherin Anna Kiesenhofer hat am Sonntag aus heimischer Sicht für die große Sensation bei den Olympischen Spielen in Tokio gesorgt. Als Außenseiterin eroberte die 30-Jährige die Goldmedaille im Rad-Straßenrennen der Frauen, das erste Edelmetall des ÖOC-Teams in Japan. Gleich nach dem Start initiierte sie eine fünfköpfige Spitzengruppe, ließ in der Folge die Mitstreiterinnen auf der 137-km-Strecke zurück und triumphierte nach einer 41-km-Solofahrt.

Die gebürtige Weinviertlerin holte das erste Rad-Olympia-Gold für Österreich seit Adolf Schmal 1896 im Zwölf-Stunden-Rennen in Athen und die erste ÖOC-Goldene seit den zwei Siegen durch Triathletin Kate Allen und die Tornado-Segler Roman Hagara/Hans Peter Steinacher 2004 in Athen. Im Ziel auf dem Fuji-Speedway triumphierte sie mit 1:15 Minuten Vorsprung auf die Niederländerin Annemiek van Vleuten und 1:29 auf die Italienerin Elisa Longo Borghini, die auch schon 2016 in Rio Dritte war.

Anna Kiesenhofer schafft eine Sensation: Für den österreichischen Radsport ist es die erste Goldmedaille seit jener von Adolf Schmal im Bahn-12-Stundenrennen bei den ersten Spielen der Neuzeit 1896 in Athen. 
- © APA/AFP POOL/MICHAEL STEELE

Anna Kiesenhofer schafft eine Sensation: Für den österreichischen Radsport ist es die erste Goldmedaille seit jener von Adolf Schmal im Bahn-12-Stundenrennen bei den ersten Spielen der Neuzeit 1896 in Athen.

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"Das ist unglaublich. Sogar als ich über die Linie gefahren bin, dachte ich 'Ist es nun vorbei, muss ich weiterfahren?'", erklärte die selbst überraschte Kiesenhofer. "Es war eine kleine Hoffnung da, aus einer Gruppe eine Medaille zu holen und ich habe es geschafft."

Die Mathematikerin düpierte mit dem frühen Angriff und dem Durchhalten bis ins Ziel, das im modernen Radsport seinesgleichen sucht, die von den Niederländerinnen angeführte Konkurrenz. Die Asse wie Rio-Olympiasiegerin Anna van der Breggen und Ex-Weltmeisterin Van Vleuten verrechneten sich, sie hatten die ihnen weitgehend unbekannte Wissenschaftlerin und Rad-"Amateurin" offensichtlich unterschätzt.

Und im Fall von Van Vleuten ohne Funkverbindung zum Betreuerauto auch nicht um die exakte Rennsituation gewusst. Denn die früh in einen Sturz verwickelte 38-Jährige hatte geglaubt, die Ausreißerinnen seien eingeholt und war jubelnd ins Ziel gerollt. "Es gab große Verwirrung, wir haben einander gefragt, wer gewonnen hat", sagte Van Vleuten und kritisierte das Reglement, das anders als auf der WorldTour keinen Funk erlaubt. "Im wichtigsten Rennen in vier Jahren keine Kommunikation zu erlauben, ist nicht professionell." Sie sei enttäuscht, sollte aber auch stolz sein, merkte die dreifache Ex-Weltmeisterin nach ihrer ersten Olympiamedaille an. "Ich wollte zeigen, was mit 38 Jahren noch möglich ist."

Kiesenhofer hatte schon Minuten zuvor alles klar gemacht. "Ich wusste, dass ich die stärkste der Spitzengruppe war. Ich bin in der Abfahrt recht gut, und dann war es nur noch ein Einzelzeitfahren bis ins Ziel", schilderte die Siegerin den vorentscheidenden Moment, in dem sie sich von den zwei verbliebenen Fluchtgefährtinnen abgesetzt hatte.

Diese wurden eingeholt - für die ÖRV-Fahrerin, die sich in einem internen und ob des Modus auch kritisierten Ausscheidungsbewerb das Tokio-Ticket gesichert hatte, erwies sich die Taktik als goldrichtig. In ähnlicher Manier hatte Patrick Konrad am 13. Juli eine Etappe der Tour de France gewonnen, im Olympia-Bewerb am Samstag landete er als Bester des ÖRV-Trios beim Sieg des Ecuadorianers Richard Carapaz an der 18. Stelle.

Die letzten Kilometer seien die härtesten ihrer Karriere gewesen, erklärte Kiesenhofer. "Meine Beine waren völlig leer. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so verausgabt, ich konnte kaum noch treten, es war keine Energie mehr da." Sie habe in den letzten eineinhalb Jahren so viel für diesen speziellen Tag geopfert. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das so vollende. Ich hätte es auch für einen Top-15-Platz gemacht, aber nun diese Belohnung bekommen zu haben, das ist unglaublich."

Die Überraschungssiegerin hatte mit einem Lächeln und dann ungläubigem Kopfschütteln nach 3:45 Stunden die Ziellinie überquert. Dort sank sie völlig verausgabt auf den Asphalt, weinend und doch voller Freude. Wenig später erhielt sie vom Großherzog von Luxemburg, Henri von Nassau, die Goldmedaille. Im Rad-Dress atmete sie bei der Bundeshymne auf dem Siegespodest noch einmal tief durch.

Kiesenhofer hatte die 2017 begonnene Profikarriere bei einem belgischen Team noch im gleichen Jahr wieder beendet. "Ich habe gemerkt, dass der Profisport für mich ein zu großer körperlicher und psychischer Stress ist und ich lieber nur Hobbysport mache", betonte sie im Vorfeld der Spiele.

Es folgten zwei Jahre ohne Rennen und ab 2019 ein Neubeginn mit jeweils nur ausgewählten Bewerben. Neben einem internationalen Sieg bei der Ardeche-Rundfahrt 2016 hat sie "nur" Erfolge in der Heimat vorzuweisen, zuletzt drei ÖRV-Titel im Einzelzeitfahren und einen 2019 im Straßenrennen.

Der 55 kg leichten Österreicherin, im Teamauto von Nationaltrainer Klaus Kabasser betreut, fehlt die Erfahrung von großen Straßenrennen. Im engen Pulk fühlt sie sich nicht so wohl. Daher fuhr sie die ersten, neutralen Kilometer bis zum Start auch einige Meter hinter dem Feld. Doch nachdem das Rennen bei 34 Grad Hitze auf dem hügeligen Kurs mit dem Fuji Sanroku (1.451 m) als höchstem Punkt freigegeben war, trat Kiesenhofer gleich voll an.

Im Finish kamen der Wahl-Schweizerin, die Training und Ernährung selbst plant, die Qualitäten im Einzelzeitfahren zugute. Für diese Disziplin hatte Österreich aber für die Sommerspiele keinen Quotenplatz erhalten. "Wenn ich tauschen könnte, wäre mir das Einzelzeitfahren lieber", hatte Kiesenhofer vor ihrem Start zur APA gemeint. Diese Ansicht hat sie am Sonntag mit einer der größten Überraschungen in diesem Sport wohl revidiert.

 

Für den österreichischen Radsport ist es die erste Goldmedaille seit jener von Adolf Schmal im Bahn-12-Stundenrennen bei den ersten Spielen der Neuzeit 1896 in Athen. Die ÖOC jubelte erstmals seit den Spielen 2004 in Athen wieder über Gold bei Sommerspielen. Damals waren zuletzt die Tornado-Segler Roman Hagara und Hans-Peter Steinacher erfolgreich, drei Tage zuvor hatte Triathletin Kate Allen Gold geholt.

Reaktionen nach Rad-Straßenrennen

Reaktionen nach dem Rad-Straßenrennen der Frauen und der Goldmedaille der Österreicherin Anna Kiesenhofer am Sonntag bei den Olympischen Spielen in Tokio:

 

ÖRV-Präsident Harald Mayer: "Herzlichen Glückwunsch an Anna Kiesenhofer. Ein historischer Erfolg für den Österreichischen Radsport. Nach 125 Jahren gibt es wieder eine Radsportmedaille. Das ist eine unglaubliche Geschichte. Schön, dass wir diesen Erfolg im Gründungsjahr der Frauen-Radliga feiern dürfen. Von Anfang an wurde diese mit Begeisterung aufgenommen und diese Medaille ist ein weiterer riesiger Schritt für den Österreichischen Frauenradsport. Anna Kiesenhofer wurde heute für eine tolle Fahrt, bei der sie Mut, Kraft und Selbstvertrauen zeigte, mit Gold belohnt."

ÖRV-Sportdirektor Christoph Peprnicek: "Ich bin komplett fertig, ich glaube das noch immer nicht. Ich freue mich so für die Anna und auch für den österreichischen Damenradsport. Was da passiert ist, ist ein Wahnsinn. Wir haben gewusst, dass sie am Berg sehr stark ist. Wir haben auch gewusst, dass eine Chance in der Gruppe besteht, aber mit Gold hat, glaub ich, keiner gerechnet. Wir freuen uns natürlich riesig. Ich bin so stolz auf sie und bin so froh, dass das geklappt, hat. Ich hoffe, dass das einen Hype für den österreichischen Damenradsport auslösen wird und wir so weiterarbeiten."

Bundespräsident Alexander Van der Bellen (auf Twitter): "Anna Kiesenhofer, was für eine Leistung! Ich gratuliere sehr herzlich zu Gold im Radstraßenrennen der Damen. Die erste Goldmedaille bei den Olympischen Spielen. Großartig!"

Vizekanzler und Sportminister Werner Kogler (Twitter): "Bravo Anna Kiesenhofer! Gold beim Rad-Straßenrennen. Ich gratuliere herzlich!"

ÖOC-Präsident Karl Stoss (im ORF): "Das zeigt einmal mehr, was alles machbar und möglich ist im Leben. Ein Frau, die eigentlich ihre Karriere beendet hat. Eine Frau, die einmal Profi war, dann aufgehört zwei Jahre, auch verletzungsbedingt pausiert hat und dann im letzten Jahr nur noch die Straßen-Staatsmeisterschaft gefahren ist, kommt hierher und sagt: Eigentlich wär mir das Einzelzeitfahren lieber. Dann fährt sie auf der Straße zu Gold - weit überlegen. Ich freue mich unglaublich für sie, für den Radsport, für Österreich. Das Olympia-Team ist hoch motiviert, und hoffentlich folgen da noch andere Medaillen."

Bundeskanzler Sebastian Kurz: "Gold für Österreich! Herzliche Gratulation an Anna Kiesenhofer zu dieser großartigen Leistung bei den Olympischen Spielen in Tokio!"

ÖRV-Nationaltrainer Frauen Klaus Kabasser: "Sensationell, es hat ja doch 125 Jahre gedauert bis zur ersten Straßengoldenen. Ich mache das schon lange, aber an die kann ich mich auch nicht mehr erinnern. Am Anfang war es natürlich gar nicht so, dass man weiß, ob das aufgeht, aber die Attacke war so früh wie möglich geplant. Nach dem langen Anstieg sind wir dann erstmals nervös geworden. Es waren mehrere Faktoren und die Konstellation war vielleicht auch so, dass die sie trotzdem unterschätzt haben. Und es gehört auch Glück dazu. Sie ist völlig bis ans Limit gegangen, fünf Kilometer weiter hätte es nicht gehen dürfen. In Früh haben wir noch gesagt alles, nur nicht noch einmal ein vierter Platz wie Christiane Söder 2008 in Peking."

Über Kiesenhofer: "Sie ist mental extrem stark, sie bereitet sich extrem detailliert und gewissenhaft vor. Wenn sie Ziele hat, dann verfolgt sie sehr konsequent, nicht umsonst ist sie mit 30 schon Professorin der Mathematik."

NÖ-Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner: "Anna Kiesenhofer kam als Außenseiterin zu diesen Olympischen Spielen und hat mit ihrer Leistung heute Sportgeschichte geschrieben. Man muss schon sehr weit in den Annalen der österreichischen Sportgeschichte zurückblättern, um eine vergleichbare Ausnahme-Leistung zu finden. Das war heute eine sensationelle Fahrt, die alle sportbegeisterten Niederösterreicherinnen und Niederösterreicher mit Stolz erfüllt."

Silber-Gewinnerin Annemiek van Vleut - die Niederländerin realisierte erst im Ziel, dass sie Silber statt Gold gewonnen hatte: "Wir dachten, wir machen alles richtig. Wir haben die Polin und die Israelin eingeholt und dachten, wir würden um die Goldmedaille fahren. Ich denke nicht, dass wir sie (Kiesenhofer, Anm.) unterschätzt haben. Ich kenne sie nicht. Was kann man falsch einschätzen, wenn man jemanden nicht kennt."

Sport-Austria-Präsident Hans Niessl: "Nicht nur, dass sie Olympisches Gold gewonnen hat, auch die Art und Weise, wie sie es tat, war einfach sensationell! Im Namen des österreichischen Sports gratuliere ich herzlich zu diesem einzigartigen und historischen Erfolg. Das war ja quasi ein Start-Ziel-Sieg. Gerade in Zeiten wie diesen ist diese Goldmedaille ein wichtiges, starkes Signal des österreichischen Sports." (apa)