Olympische Spiele brauchen gute Geschichten. Sie brauchen sportliche Heldinnen und Helden, die über sich hinauswachsen, die Gunst der Stunde nutzen und für ein Wunder sorgen. Besonders sind die Olympia-Wunder, wenn die Geschichte einen Twist hat. Eine kleine Entscheidung, die alles verändert.

Im Falle von Anna Kiesenhofer gibt es sogar zwei große Entscheidungen, die alles verändert haben. Eine vor Tokio und eine bei Kilometer 0 im Rennen. Aber zunächst an den Anfang. Anna Kiesenhofer wollte in Tokio zum Zeitfahren. Das war das Ziel. Und dieses Ziel hat Anna Kiesenhofer verpasst. Qualifikation nicht geschafft.


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Anna Kiesenhofers Doktorinnen-Arbeit "Noncommutative integrable systems on b-symplectic manifolds"

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Anna Kiesenhofer mutterseelenalleine an der Spitze.  
- © afp / Greg Baker

Anna Kiesenhofer mutterseelenalleine an der Spitze. 

- © afp / Greg Baker

Die dreimalige österreichische Zeitfahrstaatsmeisterin ist somit im Kampf gegen die Uhr am Mittwoch in Tokio nicht dabei. Allerdings hatte die in der Schweiz lebende Kiesenhofer in einem internen Ausscheidungsrennen in Tirol den rot-weiß-roten Startplatz für das Olympia-Straßenrennen geholt, wo sie nun als Außenseiterin gestartet ist. "Ich habe alles Mögliche dafür getan, um in Bestform zu sein. Ich will ein aktives Rennen fahren in der Hoffnung, dass sich das harte Training der letzten Monate bezahlt gemacht hat", meinte die 30-jährige Niederösterreicherin davor.

"Das Einzelzeitfahren wäre mir lieber"

"Wenn ich tauschen könnte, wär mir das Einzelzeitfahren lieber", sagte Kiesenhofer vor dem Rennen. Sie sah sich aber auch für das Straßenrennen gerüstet, obwohl sie heuer erst einen einzigen Massenstartbewerb bestritten hatte und dabei bei der Staatsmeisterschaft Sechste geworden war. "Ich bin physisch gut dabei, nicht bei der Creme de la Creme, aber bei den Guten, das muss ich gescheit im Rennen umwandeln." Was ihr fehle, sei die Rennerfahrung, und das Antreten gegen lauter Stars sei schon ein bisschen einschüchternd, gab die Weinviertlerin zu.

Im Straßenrennen der Frauen käme ein vorderer Platz für Kiesenhofer unerwartet, hieß es ebenso vor dem Rennen. Man glaubt so selten an Wunder. Und meist zurecht, denn sonst wären Wunder ja das Alltägliche.

Unterschätze niemanden, den du nicht kennst

Die zweite große Entscheidung erfolgte dann im Rennen selbst. Kiesenhofer attackierte gleich zu Beginn bei Kilometer 0 und fuhr in einer Dreiergruppe vorne weg. Einfach weg. Und irgendwann dann war sie ganz alleine an der Spitze. 1,5 Stunden lang radelte die einzelkämpfende Außenseiterin durch. Irgendwie warteten alle Beteiligten auf eine Attacke der Verfolgerinnen - allein, sie kam nicht.

Im Ziel sollte Silber-Gewinnerin Annemiek van Vleut - die Niederländerin realisierte erst im Ziel, dass sie Silber statt Gold gewonnen hatte - sagen: "Wir dachten, wir machen alles richtig. Wir haben die Polin und die Israelin eingeholt und dachten, wir würden um die Goldmedaille fahren." Über Siegerin Kiesenhofer meinte van Vleut: "Ich denke nicht, dass wir sie unterschätzt haben. Ich kenne sie nicht. Was kann man falsch einschätzen, wenn man jemanden nicht kennt."

 

Erst Kurzzeitprofi, jetzt Hobbysportlerin

Die Niederländerin ist damit wahrlich nicht alleine. Wer Kiesenhofer vor diesem 25. Juli 2021 wirklich kannte, darf sich Radexperte nennen. Kiesenhofer hatte ihre 2017 begonnene Profikarriere bei einem belgischen Team noch im selben Jahr wieder beendet. "Ich habe gemerkt, dass der Profisport für mich ein zu großer körperlicher und psychischer Stress ist und ich lieber nur Hobbysport mache", betonte sie im Vorfeld der Olympischen Spiele in Tokio. Es folgten zwei Jahre ohne Rennen und ab 2019 ein Neubeginn mit jeweils nur ausgewählten Bewerben. Neben einem internationalen Sieg bei der Ardeche-Rundfahrt 2016 hat sie "nur" Erfolge in Österreich vorzuweisen, zuletzt drei ÖRV-Titel im Einzelzeitfahren und einen 2019 im Straßenrennen.

Kiesenhofers Erfolge lagen mehr im wissenschaftlichen Bereich. Die Mathematikerin mit Abschlüssen in Wien und Cambridge sowie einem Doktorat an der Universität von Katalonien in Barcelona unterrichtet an der ETH Zürich, wo sie auch lebt. Ihre Doktorinnenarbeit trägt den Titel "Noncommutative integrable systems on b-symplectic manifolds", falls jemand nachlesen will. Im Interview nach ihrem Sieg fragte der Schweizer Kommentator Kiesenhofer, ob sich die Eidgenossen eine Scheibe vom Sieg abschneiden dürften. Kiesenhofers Antwort: "Es gibt schöne Berge und gute Trainingsbedingungen, ja gerne."

Die bisher härtesten Kilometer ihrer Karriere

Die letzten Kilometer seien die härtesten ihrer Karriere gewesen, erklärte Kiesenhofer. "Meine Beine waren völlig leer. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so verausgabt, ich konnte kaum noch treten, es war keine Energie mehr da." Sie habe in den vergangenen eineinhalb Jahren so viel für diesen speziellen Tag geopfert. "Ich hätte nicht gedacht, dass ich das so vollende. Ich hätte es auch für einen Top-15-Platz gemacht, aber nun diese Belohnung bekommen zu haben, das ist unglaublich."

Im Nachhinein, meinte Kiesenhofer, sei sie froh, im Straßenrennen angetreten zu sein und nicht im Einzelzeitfahren. "Es ist eine Tatsache, dass das Straßenrennen unvorhersehbar ist. Man braucht den Glücksfaktor auf seiner Seite." Zur Tatsache, dass sie als Teilzeitsportlerin Olympia-Gold geholt hat, sagte sie im APA-Interview: "Das klingt romantisch und schön, aber ich bin schon realistisch. Man kann nicht alles schaffen, es braucht Gegebenheiten. Ich kann nicht fliegen, bin kein Vogel. Es gibt Grenzen des Möglichen. Aber man kann viel rausholen mit Geduld und Hingabe."

Es gibt Tage der Sensationen. So wie diesen 25. Juli 2021. Die Überraschungssiegerin überquerte mit einem Lächeln und dann ungläubigem Kopfschütteln nach 3:45 Stunden die Ziellinie. Danach sank sie völlig verausgabt auf den Asphalt, weinend und doch voller Freude.