Siebenundzwanzig Jahre sind eigentlich kein allzu biblisches Alter, nicht einmal im Sport, nicht einmal im Wasserspringen, wo die Hüpfer immer jünger werden. Und doch sagte Tom Daley kurz vor den Olympischen Spielen: "Ich bin der Großvater in meiner Sportart", was vielleicht nicht nur an seiner Geburtsurkunde liegt, sondern auch an seiner Vita. Denn in den 27 Jahren seines Daseins hat Daley mehr erlebt als viele andere.

Am Montag kam der Olympiasieg im Synchronspringen vom 10-Meter-Turm hinzu. Gemeinsam mit seinem Partner Matty Lee setzte sich der Brite gegen die zuvor als unbezwingbar geltende chinesische Phalanx durch und holte 1,23 Punkte vor Chen Aisen und Cao Yuan Gold.

Es ist das erste Mal seit 21 Jahren, dass die Synchron-Olympiasieger nicht aus China kommen - und die erste Goldene für Daley bei seinen nunmehr schon vierten Olympischen Spielen. Davor hatte er 2012 in London Bronze im Einzel und 2016 in Rio ebenfalls Bronze im Synchronbewerb geholt. Dass es jetzt geklappt hat, führt Daley auf seine geänderten Lebensumstände zurück. Die Tatsache, dass der Sport nun nicht mehr im Zentrum seines Seins stehe, habe viel verändert, erzählte er im Olympia-Vorfeld der Zeitung "The Times".

"Ein Vater während einer Pandemie zu sein, hat mich verstehen lassen, was wichtig ist."

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Nach Rio gab es etliche gesundheitliche Rückschläge, aber auch neue Konstanten im Leben des Briten. Er hat den US-Filmemacher und Menschenrechtsaktivisten Dustin Lance Black geheiratet, mit ihm einen Sohn. Die Ängste, Sponsoren könnten sich aufgrund seiner früh bekanntgegebenen Homosexualität zurückziehen, erfüllen sich nicht, heute setzen sich Daley und Black für die LGBTQ-Community ein.

"2016 waren die Spiele, bei denen ich gedacht habe, dass ich in bestmöglicher physischer und mentaler Verfassung bin, das hat Druck und Erwartungen erzeugt. Jetzt haben sich die Perspektiven verschoben. Ein Vater inmitten einer Pandemie zu sein, hat mich auch verstehen lassen, welche Dinge am meisten bedeuten. Ich genieße auch das Springen mehr, weil ich mich dankbar fühlen kann", sagt er heute.

Genuss war nicht immer das, was Daley mit dem Sport verbunden hat. Einst als Wunderkind gehyped, von Sponsoren zu Sponsoren und Medien zu Medien gereicht, ist an eine normale Kindheit nicht zu denken, in der Schule wird er gemobbt. Doch es ist das gemeinsame Ziel von Daley und seinem Vater und Mentor, ganz an die Spitze zu kommen, koste es, was es wolle. Doch als Daley senior einem Krebsleiden erliegt, schwindet auch die Leidenschaft Daleys für den Sport vorübergehend.

"Ich habe Blut gespuckt, mir meine Arme und Füße verletzt. Es ist nicht normal, sich von einer 10-Meter-Plattform zu werfen."

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Als Blitzlichtgewitter bei den Olympischen Spielen 2012 - seinen Heimspielen in London, für die die Organisatoren und Werbepartner den damals gerade einmal 18-Jährigen als Aushängeschild auserküren - auf ihn einprasseln, bringt ihn das nicht nur während des Sprungs aus dem Gleichgewicht. Lange Zeit kann Daley bestimmte Sprünge dann aus Angst nicht mehr ausführen.

Auch heute hadert er oft noch mit dem Sport. "Ich habe Blut gespuckt, mir meine Hände und Füße verletzt", sagt er. "Es ist nicht normal, sich immer wieder von einer 10-Meter-Plattform zu werfen." Weitermachen will er trotzdem, "so lange der Körper es zulässt". Und vielleicht hat er als Vater im Leben, als "Großvater in seinem Sport" nun mit Gold auch jene Leichtigkeit erworben, die dem einstigen Wunderkind verwehrt geblieben war.