Nach großem Kampf und einer knappen Entscheidung in der Verlängerung nach Ippon (sofortiger Sieg) gegen die Niederländerin Sanne Verhagen war die vorzeitige Sportpension für Sabrina Filzmoser Gewissheit. Sichtlich gerührt und am Ende ihrer vielen Kräfte sackte die Oberösterreicherin im leeren Nippon Budokan, der Judohalle in Tokio, auf den Boden und küsste die "heilige Matte". Laut Filzmoser gleicht das in der Judo-Nation Japan einem Vergehen: "Das tut man auch nicht, das ist fast eine heilige Stätte fürs Judo. Aber in dem Moment habe ich einfach gewusst, dass es für mich selbst wichtig ist, dass ich mich von hier verabschiede."

Filzmoser und die "heilige Matte": Jene Matte, auf der die 41-Jährige in ihrer mehr als 30 Jahre währenden Karriere zwei Bronzemedaillen bei Weltmeisterschaften (Kairo 2005 und Tokio 2010) und insgesamt neun bei Europameisterschaften (zweimal Gold in Lissabon 2008 und Istanbul 2011) gewann. Zusätzlich weist sie vier Teilnahmen an Olympischen Sommerspielen (2008 bis 2021) vor. Außerdem belegte sie 2008 kurzfristig den ersten Platz in der Judo-Weltrangliste und gewann zwei Grand-Slam-Turniere. Das einzige, was dem weiblichen Pendant zu Ludwig Paischer (Silbermedaille bei den Spielen 2008 in Peking) fehlt, ist eine Medaille bei Olympia. Ein Ziel, dem Filzmoser ihre gesamte Karriere hinterherlief. Eigentlich sollte bereits nach den Wettkämpfen in Rio 2016 Schluss sein, aufgrund ihrer Liebe zum Sport entschied sich die Polizeisportlerin aber zum Weitermachen. Trotz des erneut verpassten Coups zeigte sich Filzmoser nach dem Aus glücklich und dankbar: "Es hat nicht sollen sein. Ich war gut drauf und habe mich richtig gefreut. Aber im Endeffekt war es ein schöner Abschluss."

Filzmosers eindrucksvolle Laufbahn macht sie nicht nur zu einem sportlichen Aushängeschild des Landes, sondern ließ den japanischen Kampfsport Judo in Österreich gedeihen. Durch ihre Erfolge in der bis 57-Kilo-Gewichtsklasse (Leichtgewicht) gingen immer mehr junge Menschen dem Hobby als Judoka nach. Die Ambition, sich den schwarzen Gürtel um die Taille zu binden, war für einige ein Ansporn, sich körperlich und auch mental selbst herauszufordern.

Für die Zukunft möchte sich die in Amerika beheimatete Filzmoser auf ihre Entwicklungsprojekte in Nepal und Bhutan konzentrieren, dem Judosport aber ebenfalls treu bleiben. Den österreichischen Verband möchte sie unterstützen, den Judokas steht sie bereits als Mitglied der Athletenkommission zur Seite. "Ich muss mich in den nächsten Wochen darauf konzentrieren, wieder Ausgeglichenheit im Leben zu finden", so die Welserin, deren letztes Jahr im Profisport von einigen Verletzungen überschattet war.

Österreich war im Judo immer schon vorne mit dabei. Seit der Sport 1960 erstmals als Olympia-Disziplin ausgetragen wurde, sammelte Rot-Weiß-Rot fünf Medaillen. Peter Seisenbacher krönte sich im 1984 in Los Angeles und 1988 in Seoul zum Doppel-Olympiasieger im Mittelgewicht. Josef Reiter im Halbleicht- und Paischer im Superleichtgewicht sorgten mit Bronze beziehungsweise Silber für weiteres Edelmetall bei den Judo-Herren. Bei den Damen konnte sich (die 2011 verstorbene) Claudia Heill 2004 in Athen für die bis heute einzige österreichische Damen-Medaille im Halbmittelgewicht auszeichnen. Die schon damals aktive Filzmoser musste in Athen verletzungsbedingt auf eine Teilnahme verzichten.

Mehr Beachtung erwünscht

Auch wenn Judo für Österreich immer ein Garant für Erfolg war, bleibt der Kampfsport im Land bis heute unterrepräsentiert. Laut Filzmoser seien die Medien nur bei Großereignissen wie Olympia oder bei der Heim-EM 2010 zur Stelle. "Ein Grand-Slam-Turnier ist im Judo bestenfalls eine Randnotiz wert", sagte Filzmoser über die mangelnde Berichterstattung. Als Grund sieht sie die komplizierten Regeln mit denen Leute nichts anfangen und sich daher nicht mit dem Sport identifizieren könnten. Zu lange bräuchte man als Zuseher, um die verschiedenen Techniken und Kampfszenen besser zu verstehen. Die Einführung leicht verzögerter Wiederholungen auf Leinwänden in den Hallen gefallen ihr aber gut.

Für den regelmäßigen Erfolg Österreichs im Judo sieht Filzmoser den niedrigen Stellenwert wiederum als Vorteil: "Wenn es schlecht läuft, sind wir nicht die "Versager" auf der Titelseite", so Filzmoser über das Arbeiten ohne großen Druck. Der Erfolg sei ein Produkt von Egoisten und Freaks, nicht des Systems. Dafür fehle es an konsequenter Unterstützung von Sponsoren, Bund oder Land. Der fehlende strukturelle und finanzielle Rückhalt zeigte sich zuletzt 2019, als Österreich die Judo-Weltmeisterschaft für 2021 aufgrund des fehlenden Geldes entzogen wurde. Daraufhin musste der Vorstand des österreichischen Judoverbandes Hans-Paul Kucera seinen Platz für den jetzigen Präsidenten Martin Poiger räumen.

Eine erfreuliche Nachricht gab es vor Olympia bei der Weltmeisterschaft in Budapest im Juni zu vermelden. Dort bescherte die 23-jährige Michaela Polleres dem ÖJV die erste WM-Medaille seit Filzmosers Bronze-Coup 2010. Pollerer gilt somit auch bei den Spielen in Tokio als heiße Anwärterin auf eine Auszeichnung und als prädestinierte Nachfolgerin der abgetretenen Filzmoser.

Generell spricht die Nominierung von sechs Judokas, womit das Judo-Team zahlenmäßig zu den größten innerhalb des ÖOC (Österreichisches Olympia Komitee) zählt, dass der Sport wieder einen leichten Aufschwung erlebt. Landesweit 186 Vereine und mehr als 25.000 Mitglieder sind für die in Europa doch eher kleinen Disziplin durchaus beachtliche Zahlen. Das Ziel des Verbandes ist es, sich auch nach Filzmosers Abtritt als eine der führenden Olympianationen im Judo zu etablieren und in Österreich als eine priorisierte olympische Sommersportart angesehen zu werden. Das könnte mit den nötigen Ressourcen und weiteren Vorzeigeathleten wie Filzmoser durchaus gelingen.(dri)