So richtig warm waren die Japaner ohnehin nie mit ihr geworden. Doch ausgerechnet jetzt, bei den Olympischen Spielen in Tokio, sollte Naomi Osaka als deren Gesicht dienen; ausgerechnet jetzt, da die Weltranglistenzweite sich in den vergangenen Monaten aufgrund von Depressionen, die sie selbst öffentlich gemacht hatte, aus dem Tennissport zurückgezogen hatte. Dennoch wurde hier bei diesen Spielen nichts weniger als Gold von ihr erwartet, nach dem frühen Ausscheiden von Ashleigh Barty und Aryna Sabalenka schienen die Chancen weiter gestiegen zu sein.

Doch am Dienstag ging auch das Flutlicht in Japan für Osaka aus - 1:6, 4:6 lautete das Achtelfinal-Ergebnis gegen die Tschechin Marketa Vondrousova. Tokio wird sich für diese Spiele ein neues Aushängeschild suchen müssen. Wie wohl sich die 23-jährige Osaka, die sich selbst als "introvertiert" beschreibt und Probleme im Umgang mit der Presse bekundet hatte, in dieser Rolle gefühlt haben mag, ist ohnehin nicht gesichert.


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Dennoch hatte sie die Rückkehr in den Sport bewusst für die Olympischen Spiele gewählt, den Moment, als sie bei der Eröffnung die Olympische Flamme entzünden durfte, als "größte Errungenschaft und größte Ehre, die ich im Leben je haben werde", bezeichnet.

"Vogue"-Cover statt Tennis-Court

Es sollte auch eine Art Versöhnung mit ihrer Heimat sein, die ihre vier Grand-Slam-Titel (US Open 2018 und 2020, Australian Open 2019 und 2021) zwar bejubelt hatte, dennoch immer ein bisschen auf Abstand zu ihr geblieben war. Schließlich lebt Osaka, in der gleichnamigen japanischen Stadt geboren, seit dem Alter von drei Jahren als Tochter einer Japanerin und eines Haitianers in den USA, ihr Japanisch ist nicht akzentfrei, wie ihr bisweilen vorgeworfen wird.

Auch dass sie sich zwar vorübergehend vom Sport zurückgezogen, gleichzeitig aber für die "Vogue" und die "Sports Illustrated" posiert und eine ihr nachempfundene Barbie-Puppe präsentiert hat, wurde ihr nicht allerorten positiv ausgelegt.

Dennoch wirkte die 23-Jährige selbst nach der Niederlage gegen Vondrousova, immerhin nicht irgendwer, sondern French-Open-Finalistin von 2019, mit sich im Reinen. "Natürlich bin ich traurig, verloren zu haben", sagte sie. "Aber ich freue mich wirklich, hier zu sein." Druck habe sie zweifellos gespürt, was aber auch damit zu tun haben könnte, dass sie das erste Mal an Olympischen Spielen teilgenommen hatte. "Vielleicht war das ein bisschen viel."

Nach einem baldigen Rücktritt - wie ihn einige nach ihrem French-Open-Rückzug schon prognostiziert hatten - klingt das nicht. Und auch die nächsten Pläne stehen bereits fest. Vor einer Woche hat sie ihre Nennung für die US Open abgegeben, womit sie an die Stätte ihres ersten großen Triumphs zurückkehren wird. 2018 feierte sie dort ihren ersten Grand-Slam-Sieg, den ersten für Japan überhaupt. Ein bisschen war der Sieg damals aber in den Diskussionen um einen Ausraster ihrer Finalgegnerin Serena Williams, die den Organisatoren Sexismus und Ungleichbehandlung vorwarf, untergegangen.

Mittlerweile hat sich Osaka aber nicht nur selbst längst in der Weltspitze etabliert, sondern sich ihrerseits als Vorkämpferin gegen Diskriminierung einen Namen gemacht. Einen persönlichen Sieg hat sie trotz der Niederlage in Tokio obendrein erzielt. "Ich bin glücklich mit der olympischen Erfahrung."