Als Yvonne Bönisch auf die Welt kam, war Sabrina Filzmoser schon ein halbes Jahr alt. Doch während Letztere, gewissermaßen Österreichs Judo-Veteranin und damit auch Vorbild für die nunmehrigen Olympia-Medaillengewinner Michaela Polleres und Shamil Borchashvili, ihre eindrucksvolle Karriere vor wenigen Tagen erst beendet hat, arbeitet die andere seit fast einem Jahrzehnt bereits als Trainerin - und ist in dieser Funktion nun auf einem neuen Karriere-Höhepunkt angelangt. Erst seit Jänner ist die Deutsche aus der Nähe von Potsdam Nationaltrainerin in Österreich. Seitdem stehen EM-Bronze von Bernadette Graf, WM-Bronze von Polleres und nun Olympia-Silber durch dieselbe sowie Bronze durch Borchashvili auf der Habenseite.

Hört man sich im Lager der österreichischen Judo-Kämpfer um, gehört ein großer Teil des Erfolgs der 39-Jährigen. Zum einen versteht Bönisch den Judosport als Olympiasiegerin von Athen und jeweils zweifache Silbermedaillengewinnerin bei Welt- und Europameisterschaften - was sie zur erfolgreichsten deutschen Judoka der Geschichte macht - wie kaum eine zweite. Zum anderen zeichnet ihr Einfühlungsvermögen die studierte Sportmanagerin aus.

Damit versteht sie es, den richtigen Draht zu den unterschiedlichen Charakteren, zu Frauen wie Männern, gleichermaßen zu finden. Die einen wollen die Auslosung gleich wissen, die anderen erst am Tag des Wettkampfs (Bönisch selbst gehörte zu ersterer Sorte), die einen brauchen den richtigen Push - wie Polleres -, bei anderen muss man vielleicht manchmal ein bisschen bremsen - wie bei Borchashvili. Auch der 26-Jährige hob nach seinem Bronzemedaillengewinn die Bedeutung Bönischs hervor: "Sie war es, die mir gesagt hat, Shamil, so eine Chance bekommst du nicht oft im Leben. Geh raus und genieß es", erzählte er.

Akribie und Empathie - das ist Nationaltrainerin Yvonne Bönisch. - © apa / Georg Hochmuth
Akribie und Empathie - das ist Nationaltrainerin Yvonne Bönisch. - © apa / Georg Hochmuth

"Mit der empathischen neuen Führung von Yvonne hat sie alles widerlegt, was vorher vielleicht gedacht wurde", meint auch Filzmoser, eine langjährige Konkurrentin und Freundin der Nationaltrainerin, zur Austria Presse-Agentur. Denn mancherorten hat es durchaus mehr oder weniger leise Zweifel gegeben, ob alle Männer die Führung durch eine Frau akzeptieren würden. Denn dass eine Frau Cheftrainerin bei beiden Geschlechtern ist, ist auf dieser Ebene weltweit einzigartig - und international auch vielbeachtet.

Immer den eigenen Weg gegangen

Bönisch selbst macht sich darüber keine Gedanken. Sie sei einfach ihren Weg gegangen: zuerst Trainerin bei ihrem Heimatverein Potsdam, dann Stützpunkttrainerin, "und dann hat es so seine Entwicklung genommen", sagt sie. Dieser Weg führte sie zunächst zum (Frauen-)Nationalteam nach Israel, von wo sie der heimische Verband Anfang des Jahres loseiste. Die Trennung von den Israelis sei ihr nicht leicht gefallen, gezögert habe sie trotzdem nicht. "So eine Herausforderung, so eine Challenge bekommt man nicht oft."

Und Herausforderungen ist Bönisch seit jeher gewohnt. Noch immer sind die Erinnerungen an Athen präsent, als sie für ihren ersten Kampf die amtierende Olympiasiegerin zugelost bekommen hatte. "Das war die, die ich nicht kriegen wollte." Doch Bönisch hat sich mit der ihr eigenen Akribie vorbereitet - und schließlich als erste Deutsche Olympiagold im Judo gewonnen. Als Prinzipien-treu gilt sie auch abseits der Matte: Die Eröffnung der Olympischen Spiele 2008 in Peking boykottierte sie als Zeichen des Protests gegen die Tibet-Politik Chinas.

Mit Österreichs Judosport hingegen fühlt sie sich seit langem verbunden. "Egal, ob ich in Deutschland oder Israel war, mit einem Auge habe ich auch immer geschaut, was in Österreich los ist", erzählte sie vor den Olympischen Spielen der Austria Presse-Agentur. Aktuell gerade ist einiges los. Und das ist nicht zuletzt Yvonne Bönischs Verdienst.