Am Ende war nur das Mutterland des Judo für die "Judo-Nation" Österreich zu stark. Nach hartem Kampf musste sich am Mittwoch die Niederösterreicherin Michaela Polleres im Finale der Klasse bis 70 kg der Japanerin Chizuru Arai geschlagen geben. Mit WM-Bronze und nun Silber bei Olympia innerhalb von eineinhalb Monaten hat die 24-Jährige aber mehr erreicht, als sie je zu träumen wagte. Und der rot-weiß-rote Judoverband kommt in Tokio nicht mehr aus dem Feiern heraus, denn am Vortag hatte Shamil Borchashvili (bis 81 kg) Bronze erobert.

Damit hat Österreich - nach der Nullnummer von London 2012 und der Segel-Bronzenen 2016 in Rio - schon jetzt den vollen Medaillensatz geschafft. Gold hatte ja sensationell Anna Kiesenhofer im Rad-Straßenrennen geholt. Je ein Mal Gold, Silber und Bronze gab es zuletzt 1984 in Los Angeles, das Resultat der neunterfolgreichsten Sommerspiele für das ÖOC ist schon eingestellt.


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"Leider nicht ganz gereicht"

Es war freilich ein langer Tag, bis Polleres im Nippon Budokan über Silber jubeln durfte: "Ich bin überglücklich, erleichtert, einfach alles. Ich war schon ein bisschen nervös heute, musste mich zusammenreißen." Polleres setzte sich im Halbfinale im Duell der beiden WM-Dritten von Budapest gegen die Niederländerin Sanne van Dijke mit einer Waza-Ari-Wertung knapp durch. "Gegen die Van Dijke hatte ich auch ein bisschen Angst. Aber es ist so gut gelaufen für mich, ich bin ganz schön stolz, dass ich so gute Kämpfe abgelegt habe."

Die 27-jährige Arai hatte mit der Russin Madina Taimasowa in der Vorschlussrunde länger zu kämpfen, siegte nach einem Marathon-Duell erst im Golden Score nach 12:41 Minuten. Derweil stand Polleres als Nächste an der Reihe auf der Seite der Halle und ließ sich davon nicht drausbringen. Im Finalkampf mobilisierte Arai noch einmal alle Kräfte, brachte Polleres auf den Boden und sich selbst die letztlich entscheidende Waza-Ari-Wertung ein. Polleres blieb zwar aktiv, ihre routinierte japanische Kontrahentin, Weltmeisterin von 2017 und 2018, brachte den Festhaltegriff aber über die Zeit. "Ich habe bis zum Schluss gekämpft, ich habe alles gegeben. Bis zur letzten Sekunde. Es hat leider nicht gereicht. Es ist schon Wehmut dabei. Man steht im Finale, sicher will man gewinnen. Aber ich bin trotzdem zufrieden und glücklich mit der Silbermedaille", bilanzierte Polleres. Die Bronzemedaillen sicherten sich Taimasowa und Van Dijke.

Mit acht Jahren zum Judo

Auf dem Weg zum Poolsieg hatte sich Polleres gegen die Irin Megan Fletcher (Waza-Ari), die Südkoreanerin Kim Seongyeon (im Golden Score mit Waza-Ari) und die Weltranglisten-Siebente Barbara Matic aus Kroatien (Waza-Ari) durchgesetzt. Als erste ÖJV-Medaillengewinnerin bei Welttitelkämpfen seit elf Jahren hatte die Ternitzerin bereits dort bewiesen, dass sie ganz vorne mitkämpfen kann. "Mir wurde eine Last von den Schultern genommen, ich habe neues Selbstvertrauen bekommen", sagte die Weltranglisten-Achte über das WM-Turnier vor eineinhalb Monaten. Polleres hatte mit acht Jahren mit dem Judosport begonnen: "Mit Judo konnte nichts konkurrieren, ich habe ein paarmal versucht, Tennis zu spielen. Bei einer Judovorführung in der Schule dachte ich mir, das schaut cool aus, das probiere ich." Der Start verlief aber etwas holprig, denn Polleres war immer schon eher zurückhaltend. "Ohne meine Eltern wäre nichts gegangen. Mama hat mich regelmäßig hingebracht zum Training. Ich habe einen kleinen Schubs gebraucht, weil ich so schüchtern war. Dann habe ich neue Freunde kennengelernt. Es hat so viel Spaß gemacht, dass ich dabeigeblieben bin." Aus kindlichem Spaß wurde nun olympisches Edelmetall.(apa/may)