Aus Sicherheitsgründen sind die Spiele von Tokio voll von Aufpassern. Insbesondere die Athleten unterliegen strenger Beobachtung. Teammitglieder, die ein Überwachungsprotokoll führen müssen, geraten in eine seltsame Situation, die ihren eigentlichen Aufgaben zuwider ist. "Als mein Test positiv war, dachte ich, jetzt ist alles aus." Yash Daryanani ist mit den Nerven am Ende, als er am Abend der Einreise nach Japan von seinen Erfahrungen erzählt. Ungefähr 20 Stunden war der Schwimmtrainer aus Suriname unterwegs, musste zweimal umsteigen, die ganze Zeit mit einer FFP2-Maske im Gesicht. Über die letzten Stunden vor der Einreise in Japan hatte er auch zwei PCR-Tests einzureichen. Alles lief nach Plan, bis beim Zwischenstopp in Miami eben ein positives Ergebnis rauskam. "Ich hab’ mich an jede Regel gehalten. Bin vor der Abreise tagelang nicht mehr aus dem Haus gegangen, hab fleißig Vitamine aufgenommen", beteuert Daryanani. "Aber der positive Test bedeutete dann ja auch das Ende für meinen Athleten. Ich war ja die ganze Zeit mit ihm zusammen gewesen!"

Die ständige Test-Angst


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In Suriname, einem 580.000-Einwohnerland an der Nordostküste Südamerikas, hatte sich Daryanani stets für seinen Schützling eingesetzt. Damit der von ihm trainierte Schwimmer Renzo Tjon-A-Joe ins Becken konnte, erstritt Daryanani auch in der Pandemie eine Sondergenehmigung, das Schwimmbad nutzen zu dürfen. Und nun alles umsonst? Mittlerweile sieht die Welt anders aus. Da zwei weitere Tests von Daryanani negativ waren, wurde der vorige als falsch-positiv gewertet, die Wettkampfteilnahme blieb also möglich. Aber beim Beziehen der Wohnung im Olympischen Dorf in Tokio ist die Vorsicht, und vielleicht etwas Angst, miteingezogen. Für Yash Daryanani gilt dies ganz besonders. Er ist nicht nur ein gebranntes Kind nach den Erfahrungen auf dem Weg nach Japan. Für die fünfköpfige Delegation aus Suriname fällt ihm auch die Aufgabe zu, die Athleten seines Landes zu beaufsichtigen. Sollte jemand aus Suriname draußen keine Maske tragen, nicht täglich einen PCR-Test einreichen oder die Abstandsregeln missachten, dann fällt das alles auf den 39-jährigen Daryanani zurück.

Covid-Aufpasser in jedem Team

Normalerweise sind Athleten bei Olympischen Spielen für sich selbst verantwortlich. Auch für "Tokyo 2020", wie sich die Spiele trotz der pandemiebedingten Verschiebung um ein Jahr offiziell nennen, mussten alle teilnehmenden Sportler unterschreiben, dass sie für ihre eigene Gesundheit haften. Aber angesichts der besonderen gesundheitlichen Gefahr bei diesen Spielen haben die Organisatoren einen weiteren Sicherheitsmechanismus eingeführt. Jedes Olympiateam muss einen "Covid-19 Liaison Officer" ernennen, kurz CLO, der oder die auf einer Webplattform täglich alle möglichen Informationen über die Sportler ans Organisationskomitee weitergibt. Zu beneiden um ihre Aufgabe sind die CLOs kaum.

Am frühen Morgen kommt ein E-Mail mit dem Betreff: "Zu einer Person aus Ihrem Team sind noch nicht die nötigen Gesundheitsinformationen eingereicht." Wird nicht binnen weniger Stunden ein PCR-Test eingereicht, kommt die gleiche Nachricht noch einmal. Und dann ist da die App OCHA, "Online Check-in and Health Report App", in der jede an Olympia teilnehmende Person noch täglich die Körpertemperatur und das Wohlbefinden dokumentieren muss. Über diesen Weg lassen sich auch die Bewegungen der Personen per GPS tracken. Yash Daryanani muss aufpassen, dass sich jeder an die vielen Vorschriften hält. "Von den Organisatoren gehen mir ehrlich viel mehr E-Mails über Covid-19 ein als über die Wettkämpfe, für die wir ja eigentlich hier sind."

Testen vor Heimreise

Schon zwei Tage nach der Eröffnungsfeier am Freitag schickte das Organisationskomitee etwa ein E-Mail aus mit dem Betreff: "Pre-Departure Testing", mit Vorgaben zum Testen vor der neuerlichen Ausreise aus Japan. Schließlich sollen die Athleten zwei Tage nach ihrem letzten Wettkampf das Land wieder verlassen. So klagen viele Teilnehmer, dass man es hier schwer hat, sich auf das Sportliche zu konzentrieren, wenn ständig etwas anderes erledigt werden muss. Die Rolle der CLO, die für die Surinamer Delegation Yash Daryanani zufällt, ist aber nicht nur schwierig, weil sie aus Sicht der Sportler vom für sie Wesentlichen ablenkt. Das Konstrukt droht auch einen Keil zwischen Athleten und Betreuerstab zu treiben. "Eigentlich bin ich dafür da, meine Athleten zu unterstützen, damit sie sich gut fühlen", sagt Daryanani. "Aber jetzt muss ich sie überwachen. Ich stehe neben Renzo, wenn er seine Speichelprobe abgibt. Und ich muss drauf achten, dass er mit keiner Person zu nah zusammensteht."

Rigoros hier, nachlässig da

Es ist ein schmaler Grat zwischen Zusammenhalt und Antagonismus, der hier zwischen Personen entsteht, die für den sportlichen Erfolg eigentlich bedingungslose gegenseitige Unterstützung brauchen. Dabei scheinen die strengen Regeln nicht nur auf institutionellem Misstrauen gegenüber den Sportlern zu beruhen. Bilder haben diese Tage gezeigt, wie schwierig es offenbar ist, die Regeln durchgehend zu beachten. Bei der Eröffnungsfeier vergaßen Athleten mehrerer Länder die Maskenpflicht. Videos aus dem Athletendorf, etwa vom britischen Turmspringer Tom Daley, dokumentieren, wie Sportler teils kaum auf Abstandsregeln achten.

"Hier im Olympischen Dorf läuft das Leben in vieler Hinsicht ganz normal ab", sagt auch Dash Daryanani von seinem Zimmer aus. Aber dann hole einen wieder die Realität ein. "Ich habe gehört, dass zwei Holländer positiv getestet wurden. Die leben im selben Gebäude wie wir. Ich gehe jetzt womöglich nicht mehr nach draußen." Ob die positiv getesteten Personen zuvor die Regeln gebrochen haben, ist nicht bekannt.

Jedenfalls hat der verantwortliche CLO dem Organisationskomitee nun mehrere Fragen zu beantworten.