Olympische Tennis-Turniere brauchen schon besondere Narrative, um im Wust an Sportarten nicht unterzugehen oder in der Maschinerie der eigenen Branche zermalmt zu werden. Die millionenschweren Grand-Slam-Turniere sind die harte Währung, im wahrsten Sinne des Wortes, dort werden Helden geboren. Olympia dagegen hat seit jeher einen geringeren Stellenwert im Herren-Tennis – wäre da nicht die besondere Erzählung hinter einzelnen ausgewählten Anlässen.

Steffi Grafs Olympiasieg 1988 in Seoul ging deshalb in die Sportannalen ein, weil sie es als erste (und bis heute einzige) Sportlerin geschafft hatte, neben den vier Major-Turnieren im selben Jahr auch Gold zu gewinnen; jener von Jennifer Capriati vier Jahre später deshalb, weil es einem damals 16-jährigen Teenager, dem die Werbeindustrie zu Füßen lag, gelungen war, eben diese scheinbar übermächtige Graf zu schlagen.

Bei Andy Murrays Triumph 2012 war die Geschichte hinter Gold jene, dass hier auf dem "heiligen Rasen" von Wimbledon ein Lokalmatador stand, dem man schon schwache Nerven attestiert hatte, weil er knapp an Major-Erfolgen vorbeigeschrammt war – und der nun Roger Federer bezwang, der Wimbledon wiederum lange Zeit als sein Wohnzimmer auserkoren hatte. Die Wiederholung von Murrays Olympiasieg vier Jahr später in Rio konnte in Sachen Emotionalisierungspotenzial damit bei Weitem nicht mithalten.

Das Tennisturnier in Tokio allerdings wäre prädestiniert dafür gewesen, ebenfalls als so ein besonderes in die olympische Geschichte einzugehen. Bei den Damen wurde das Comeback der davor von psychischen Problemen geplagten Japanerin Naomi Osaka mit Spannung erwartet – und als sie früh ausschied, gab es immer noch die Herren. Bei denen schickte sich ein gewisser Novak Djokovic an, 31 Jahre nach Graf ebenfalls nach dem Golden Slam zu greifen.

So dominant wie schon lange nicht wirkte der Serbe in diesem Jahr, die Australian und French Open hat er heuer ebenso gewonnen wie Wimbledon, bei den US Open ist er haushoher Favorit. Das war er freilich auch bei Olympia, zumal einige andere Topstars auf ein Antreten in Tokio verzichtet hatten. Doch erstens kommt es manchmal anders, zweitens, als man denkt – und drittens ist manchmal dann eben genau das die Geschichte.

Denn Sascha Zverev vermasselte dem bisher makellosen Serben nun gnadenlos die Show: Nach Zverevs 1:6, 6:3, 6:1-Sieg ist es nun der Deutsche, der am Sonntag im Finale gegen Karen Chatschanow steht, Djokovic dagegen muss einen seiner letzten Karriere-Träume vorerst aufgeben. Davon, wie emotional dieser Moment für beide war, zeugen die Bilder einer langen Umarmung nach dem Matchball.

"Habe diese Medaille für Deutschland - das ist ein Wahnsinnsgefühl"

Sascha Zverev

Während Djokovic eine Stellungnahme vorerst vermied, tat sich auch Zverev schwer, seine Gefühle in Worte zu fassen. "Ich habe diese Medaille für Deutschland, das ist ein Wahnsinnsgefühl", stammelte der 24-Jährige. Silber hat er bereits in der Tasche, im Finale ist der Weltranglistenfünfte Favorit.

Schon jetzt hat er geschafft, was bisher weder Boris Becker noch Michael Stich in den Glanzzeiten des deutschen Tennissports gelungen war. Die beiden Erzrivalen dürfen sich zwar im Doppel Olympiasieger nennen, im Herren-Einzel gab es bisher für die Deutschen aber erst eine einzige Medaille: die Silberne von Tommy Haas aus dem Jahr 2000. Bei den Damen hält Deutschland bei insgesamt vier Mal Edelmetall, drei davon – die Goldenen 1984 und 1988 sowie Silber 1992 – errungen von Graf; Angelique Kerber wiederum war 2016 Zweite.

"Es ist die große Motivation, eine Medaille zu holen - am liebsten Gold"

Sascha Zverev vor dem Halbfinale

Schon vor dem Halbfinale hatte Zverev keinen Zweifel daran gelassen, dass er in große Fußstapfen zu treten gedenke. "Am Ende des Tages ist es die große Motivation, eine Medaille zu holen – am liebsten natürlich Gold", hatte er gesagt.

Und Djokovic? Der kann sich nun auf die US Open vorbereiten, wo er sich einen anderen Rekord schnappen kann: Gewinnt er, hätte er als einziger Spieler neben Rod Laver in der offenen Ära den Grand Slam – und er würde Roger Federer und Rafael Nadal mit seinem 21. Major-Sieg hinter sich lassen. Es sind halt immer noch ein bisserl die Grand Slams, die zählen.