Jewgenij Ryblow hat bei diesen Olympischen Spielen Geschichte geschrieben, soviel ist unzweifelhaft. Wie dies zustande kam, darüber aber regen sich nun sehr wohl Zweifel. Nachdem der 24-jährige Russe schon über 100 Meter die 25 Jahre währende Olympia-Dominanz der US-Schwimmer in den Rückenbewerben durchbrochen hatte, legte er über die doppelte Distanz nach - und musste sich danach prompt mit gar nicht allzu latent geäußerten Doping-Vorwürfen der Konkurrenz herumschlagen.

"Wenn mir so eine Frage gestellt wird, kommen mir 15 Gedanken", sagte der US-Schwimmer Ryan Murphy auf eine entsprechende Journalistenfrage. "13 davon würden mich in große Schwierigkeiten bringen."

Murphy, Doppel-Olympiasieger von 2016, musste sich Ryblow über 200 Meter geschlagen geben und hatte über die halbe Strecke Bronze erobert - hinter Ryblow und dessen Landsmann Kliment Kolesnikow. Über 200 Meter ging Bronze an den Briten Luke Greenbank, der ähnliche Gedanken äußerte.

"Gratulation an Jewgenij"

"Ich versuche, mich nicht darin zu verfangen, aber es ist das ganze Jahr über eine große mentale Belastung für mich zu wissen, dass ich in einem Rennen schwimme, das wahrscheinlich nicht sauber ist", sagte Murphy, ohne das aber als direkte Anschuldigung gegenüber dem nunmehrigen Doppel-Olympiasieger verstanden wissen zu wollen. "Gratulation an Jewgenij", sagte er auch.

Allerdings gehe er davon aus, dass es Doping im Schwimmsport gibt, dies habe ihm indirekt auch ein hochrangiger Funktionär des Weltverbandes gesagt. "Und wenn man so etwas von der Spitze hört, ist es hart."

Seit großflächiges russisches Staatsdoping 2016 durch den McLaren-Report aufgedeckt worden war, stehen russische Sportler sozusagen unter Generalverdacht - auch wenn bei ihnen angeblich genauer geprüft wird, wer tatsächlich an Wettbewerben teilnehmen darf. Denn eigentlich ist Russland von internationalen Großereignissen ausgeschlossen - unverdächtige Sportler dürfen aber unter dem Namen "Athleten des russischen olympischen Komitees" ohne Hymne und unter neutraler Flagge starten - für die einen eine faire Chance für Sportler, die sich nichts haben zuschulden kommen lassen, die die anderen ein feiger Kompromiss und Kniefall vor der sportpolitischen Großmacht Russland. Schon in Rio waren rund 270 Russen am Start, diesmal sind es rund 60 mehr.

"War immer für sauberen Sport"

Ryblow jedenfalls wurde im McLaren-Report - anders als andere Schwimmer - nicht genannt und hat in seiner Laufbahn noch keinen positiven Test abgegeben. Darauf verwies er auch, als er auf die Verdächtigungen angesprochen wurde. "Ich war immer für sauberen Sport", sagte er. "Aber Ryan kann denken, was er will, ich habe kein Problem mit ihm."

Und ganz von ungefähr kommen seine Goldgewinne nicht - im Gegenteil. Nach den vergangenen Jahren wäre es eine Überraschung gewesen, hätte Ryblow, der schon der "Zar des Rückenschwimmens" genannt wird, in Tokio nicht gewonnen. Seit er 2016 in Rio Bronze geholt hatte, musste er bei Großereignissen über 200 Meter Rücken keine einzige Niederlage einstecken, gewann je zweimal die Europa- und die Weltmeisterschaft. In Tokio kamen nun zwei weitere Goldmedaillen sowie eine Silberne in der Staffel dazu - und ein weiteres Kapitel mit Zweifeln.