Um sich zu vergegenwärtigen, wie gewaltig groß diese olympischen Fußstapfen sind, reicht ein Faktum: 17 Jahre ist es her, dass bei den Sommerspielen 2004 in Athen ein Sprint-Olympiasieger gekürt wurde, der nicht Usain Bolt hieß. Danach regnete es für den jamaikanischen Sprint-Blitz nur so die Goldmedaillen vom Himmel - je drei Mal über die 100 Meter und 200 Meter, zwei Mal mit der Sprintstaffel (wobei die dritte von Peking 2008 wegen Dopings eines Teamkollegen nachträglich aberkannt wurde). In Tokio wird daher am Sonntag (Finale um 14.50 Uhr MESZ) beim Höhepunkt der Leichtathletik-Bewerbe ein neues 100-Meter-Siegergesicht gefeiert werden - ob dieses auch zum würdigen Nachfolger Bolts avanciert, ist aber mehr als fraglich. Ein Athlet von der Klasse Bolts - inklusive dessen Charisma und Showtalent - ist nicht wirklich in Sicht.

Der 34-Jährige kann sich die Vorstellungen seiner potenziellen Nachfolger bei den Olympischen Spielen jedenfalls ganz entspannt aus der Ferne ansehen - wegen der Corona-Krise bleibt er Tokio fern. Und Sorgen um den Fortbestand seiner Fabelweltrekorde über 100 (9,58 Sekunden) und 200 Meter (19,19) braucht er sich überhaupt nicht zu machen. Im Vorfeld der Männer-Sprint-Vorläufe, die in der Nacht auf Samstag angesetzt waren, sorgte der Jamaikaner zudem mit einem launigen Interview für Schlagzeilen. Denn der (vormals) schnellste Mann der Welt muss aktuell viele Windeln wechseln und seine im Juni geborenen Zwillingsbuben füttern. Da kommt der dreifache Vater mitunter mehr ins Schwitzen als früher im Training: "Es ist wirklich ein Vollzeitjob, es gibt keine Pausen", sagte er der "Welt am Sonntag".

Top-Favorit für Bolt auf seine Nachfolge in der Königsdisziplin ist am Sonntag jedenfalls der US-Amerikaner Trayvon Bromell. Der 26-Jährige hat im Juni mit 9,77 Sekunden stark aufgezeigt - bringt er seine PS auch im Finale auf die Tartanbahn des Olympiastadions, wird er kaum zu schlagen sein. Bromell hätte jedenfalls auch aus seiner Vita eine schöne Heldenstory zu erzählen, hat er doch schon schwerere Verletzungen an den Knien, der Hüfte und der Ferse überwunden. Außerdem läuft der aus armen Verhältnissen stammende schwarze Sprint-Athlet nicht nur für den Ruhm. "Mein Ziel ist der Wandel", verkündete er. "Ich will Hoffnung geben."

Ein direktes Duell mit seinem US-Landsmann Noah Lyles (24) wird es bei Olympia allerdings nicht geben. Lyles, der im vergangenen Sommer seine Erkrankung an Depression öffentlich gemacht hat, hat die US-Qualifikation für die 100 Meter verpasst und startet nur über 200 Meter. Der Weltmeister über diese Distanz von 2019 läuft fast mühelos, macht gerne Musik und hat ein Faible für extravagante Mode. Die Kameras lieben ihn - vielleicht auch bald die Leichtathletik-Massen. Und mit schwarzem Handschuh und Faust hat er zuletzt die legendäre olympische Anti-Rassismus-Geste wieder aufleben lassen.

Wer wird zum Zugpferd?

Ganz generell sucht die Leichtathletik auch vier Jahre nach dem Rücktritt Bolts nach einem Zugpferd, das wieder die Massen mobilisiert (so sie denn wieder ins Stadion dürfen). Kandidaten gäbe es einige - etwa 400-Meter-Hürden-Weltrekordler Karsten Warholm (25), Stabhochspringer Armand Duplantis (21), Marathonläufer Eliud Kipchoge (36) und Speerwurf-Seriensieger Johannes Vetter (28). Von den Entertainer-Qualitäten her kann man dem Norweger Warholm durchaus eine tragende Rolle im Leichtathletik-Zirkus zuschreiben - so drehte er nach seinem WM-Sieg 2017 in London mit Wikingerhelm Ehrenrunden. Und der schwedische Weltrekordler Duplantis (6,15 Meter), genannt Mondo, verschiebt Grenzen mit seinen Höhenflügen. Wie sich die Leistungen ohne Publikum und also ohne Stimmung gestalten werden, bleibt aber die große olympische Unbekannte.

Dass auch ein Landsmann in Bolts Sphären kommen könnte, glaubt der Superstar a. D. aber nicht: "Ich bin enttäuscht, weil ich denke, dass wir das Talent haben. Wir müssten es nur ernten und die Leute müssten das Training ernst nehmen", erklärte Bolt Richtung seiner jamaikanischen Epigonen.(may)