Rot-weiß-rote Leichtathletik-Geschichte wurde in Tokio bereits geschrieben - mit der Diskus-Bronzenen von Lukas Weißhaidinger durfte erstmals in der langen, langen Olympia-Historie ein männlicher ÖOC-Athlet über Edelmetall in der olympischen Basis-Sportart schlechthin jubeln. Während der oberösterreichische Kraftlackl am Montag in Wien mit der fünften Medaille für Österreich aus Japan erwartet wurde, liefen die letzten Vorbereitungen bei zwei aussichtsreichen Teamkolleginnen Weißhaidingers auf Hochtouren. Für die beiden Siebenkämpferinnen Ivona Dadic und Verena Mayr geht das Abenteuer Olympia in der Nacht auf Mittwoch (ab 2.35 Uhr MESZ) los - und beide können gleich noch einmal heimische Sportgeschichte schreiben: Zwar konnten bereits sieben Damen olympisches Edelmetall in der Leichtathletik erobern, doch kein einziges Mal gab es dieses zwei Mal bei ein und denselben Sommerspielen.

Beide Vorzeigeathletinnen waren am Montag bei einem Mediengespräch darauf bedacht, die Erwartungen herunterzuschrauben: "Natürlich ist das große Ziel, um Medaillen mitzukämpfen, aber im Vorfeld darüber reden, macht keinen Sinn", meinte Dadic. Mitentscheidend sei ein guter Start - und wenn der nicht gelinge, gelte es, Ruhe zu bewahren: "Auch wenn es nicht rennt, einfach weitermachen und einen guten Wettkampf machen", sagte die 27-Jährige, die auf die Erfahrungen zweier Sommerspiele bauen kann. Nach Platz 25 in London 2012 und 21 in Rio 2016 kann es für die Welserin nur besser laufen.

Ihre 26-jährige Teamkollegin und Landsfrau Mayr wiederum setzt auf ihr Erfolgserlebnis bei der Freiluft-WM 2019 in Doha, als sie (noch als Verena Preiner) Bronze erobern konnte. Die ÖLV-Rekordlerin (6.591 Punkte) zeigte sich vor ihrem Olympia-Debüt "aufgeregt": "Ich habe trainiert, was möglich war, damit ich mit Selbstbewusstsein hier stehen kann. Ich fühle mich wohl in meinem Körper." Nach dem WM-Coup schlug sich Mayr allerdings mit Verletzungen und Krankheiten herum, die in der Corona-Zwangspause freilich nicht so gravierend waren. Bei ihrem einzigen Auftritt heuer in Ratingen belegte sie mit soliden 6.254 Punkten Rang drei. Dadic musste ebendort nach drei Disziplinen wegen Knieschmerzen aufgeben - sie steigt damit ohne vollen Wettkampf in den Beinen ins olympische Geschehen ein. Ihr Selbstvertrauen ist dennoch nicht zu knapp, als sie ja eine bärenstarke Saison 2020 abgeliefert hatte, indem sie inoffiziellen Weltrekord im Stunden-Siebenkampf aufstellte und mit der Jahresweltbestleistung von 6.419 Punkten später den Titel "Sportlerin des Jahres" holte. "Ich kann mich glücklich schätzen, in jeder Disziplin ein gutes Gefühl im Training gehabt zu haben. Die Leistungen im Vorfeld zählen hier aber nichts", weiß Dadic.

In der Tat ist nicht nur Olympia schlichtweg anders, sondern diesmal sind es ganz besonders die Umstände des Mehrkampfes im noch dazu leeren Stadion: Nur wer sich optimal auf Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit einzustellen vermag, kann an den zwei Wettkampftagen ein Wörtchen um Edelmetall mitreden. Kühlwesten und Miniventilatoren liegen im Olympiastadion bereit - bei längeren Pausen wartet eventuell noch das Eisbad. "Ich bin da nicht sehr kompliziert, es ist halt so und da macht man das Beste draus", beteuerte Dadic.

Die Session am Mittwoch beginnt um 9.35 Uhr Ortszeit mit den 100 Meter Hürden - dann folgt am Vormittag noch der Hochsprung; nach einer mehrstündigen Pause geht es am Abend mit dem Kugelstoßen und dem 200-Meter-Lauf weiter. Am Donnerstag folgen Weitsprung, Speerwurf und die finalen 800 Meter. Top-Favoritinnen sind Titelverteidigerin Nafissatou Thiam aus Belgien sowie die Britin Katarina Johnson-Thompson, die sich allerdings im Dezember die Achillessehne gerissen hat. "Der Kreis um die Medaillen ist sehr groß, acht bis neun Athletinnen", meinte Mayr. Die beiden ÖLV-Starterinnen freilich inklusive.

Italiens "märchenhafte Minuten"

Denn was bei diesen Spielen in der Leichtathletik alles möglich ist, exerzierte Italien am Sonntag vor - erst ein geteilter Hochsprung-Triumph (Gianmarco Tamberi), dann ein unerwarteter Sprint-Sieg in der 100-Meter-Königsdisziplin durch Lamont Marcell Jacobs (9,80). "Italien wird für immer sagen: ‚Erinnerst du dich an den 1.August 2021?‘", schrieb die "Gazzetta dello Sport". Und das römische Blatt "La Repubblica" titelte: "Elf Minuten aus dem Märchen" - so dicht lagen die beiden Olympiasiege zeitlich beieinander.(may)