Denkt man an Olympische Spiele zurück, sind es meist die 100-Meter-Sprinter oder Medaillensammler im Schwimmen, die in Erinnerung bleiben. Und dann sind es immer wieder auch Lokalmatadore, die in die Olympia-Geschichte eingehen, wenn sie ihrem Land vor einem begeisterten Publikum Medaillen bescheren. Nun, bei diesen Spielen in Japan, ist das ein bisschen anders. Publikum gibt es sowieso nicht, die japanischen Erfolge – bis Dienstag waren es 33 Medaillen an der Zahl, 17 davon in Gold – wurden zwar gefeiert, aber halt Corona-konform schaumgebremst; und der neue Sprint-Olympiasieger Lamont Marcell Jacobs konnte die Lücke, die Weltrekordler Usain Bolt hinterließ, in seinen 9,80 Sekunden nur bedingt füllen.

Und dennoch haben auch diese Spiele spätestens seit der Nacht auf Dienstag ihren Leichtathletik-Superstar, über den man auch in vielen Jahren, vielleicht sogar Jahrzehnten, noch sprechen wird. Der Norweger Karsten Warholm flog nicht nur förmlich über die 400 Meter Hürden, sondern in 45,94 Sekunden auch zu einem neuen Weltrekord.


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Schon vor wenigen Wochen hatte er die damalige Bestzeit des US-Amerikaners Kevin Young, die bis dahin immerhin 29 Jahre lang Bestand gehabt hatte, in 46,70 Sekunden um acht Hundertstelsekunden unterboten. Dass er diese Zeit nach einer so kurzen Verschnaufpause nun noch einmal geradezu zertrümmern würde, hätte wohl niemand für möglich gehalten – nicht einmal er selbst. "Es ist verrückt. Ich kann die Zeit nicht glauben, sie ist so schnell. Oft werde ich nach dem perfekten Rennen gefragt und sage immer, dass es das nicht gibt. Aber noch nie war ich so nahe dran wie in diesem", sagte der 25-Jährige.

Besser als Bolt?

Zweifacher Weltmeister ist er schon, Europameister sowieso. Dass er nun nach dem Olympiasieg in dieser Fabelzeit alles gewonnen hat, was es zu gewinnen gibt, hält ihn aber nicht davon ab, weiter nach der Perfektion zu suchen. "Ich habe wie ein Irrer trainiert und dem meine ganze Zeit gewidmet. Aber jetzt muss ich mir neue Ziele suchen. Denn ich bin noch nicht fertig."

Und tatsächlich scheint die Konkurrenz geeignet, den 400-Meter-Hürden-Lauf auch in den kommenden Jahren zu einem Highlight im olympischen Kalender zu machen. Denn nicht nur Warholm bot eine überragende Vorstellung, vielmehr ist das Feld so stark, dass man sich gegenseitig auch weiterhin zu Höchstleistungen anspornen kann.

Silbermedaillengewinner Rai Benjamin aus den USA lief in 46,17 die zweitschnellste je ins Ziel gebrachte Zeit, auch der drittplatzierte Alison dos Santos kratzte in 46,72 knapp an der bisher gültigen Bestmarke.
Mit dem verpassten Sieg haderte keiner der beiden, zu unstrittig war jener Warholms. "Das war das vielleicht beste Rennen in der olympischen Geschichte", sagte Benjamin und wagte einen Vergleich. "Ich glaube nicht einmal, Usain Bolts 9,5 haben das getoppt", meinte er in Anspielung auf Bolts 100-Meter-Weltrekord von 9,58 Sekunden aus dem Jahr 2009.

Wie Bolt könnte nun Warholm das Gesicht der Leichtathletik werden, denn auch von Showtalent ist er nicht befreit. Nach seinem WM-Sieg 2017 absolvierte er die Ehrenrunde mit einem Wikingerhelm, diesmal musste das Leiberl dran glauben, das in Superman-Manier zerrissen wurde. Es war einer dieser denkwürdigen Olympia-Momente. (art)