"Ein Plan, der die Einzigartigkeit von Japan herausarbeitet." So steht es mit unübersehbarem Stolz in der Projektzusammenfassung für das Stadion, das seit einem Jahr auf seine standesgemäße Show gewartet hat und nun im Zentrum des olympischen Geschehens steht. Weit vor dem 24. Juli 2020, als die Olympischen Spiele eigentlich starten sollten, stand es längst bereit. Auch deshalb sagte IOC-Präsident Thomas Bach damals noch, "Tokyo 2020" seien die am besten vorbereiteten Spiele jemals.

Schließlich kommt es gerade bei den Spielstätten immer wieder zu Verzögerungen, Fragezeichen und knappen Endspurts. Erst vier Jahre zuvor in Rio war nicht nur das Stadion verspätet gewesen. Auch eine entscheidende Verlängerung des U-Bahnnetzes wurde erst wenige Tage vor der Eröffnungsfeier nutzbar. In Tokio dagegen war nicht nur alles rechtzeitig fertig, die Gebilde strahlen auch nach der einjährigen Verschiebung noch in frischem Glanz. Wer sich zuletzt in der Nähe des Stadions aufhielt, konnte direkt davor lauter Passanten mit gezückten Kameras sehen. Auch wenn die darin stattfindenden Wettbewerbe bei der Bevölkerung angesichts der Pandemie weiterhin eher unbeliebt sind - dieses Stadion, das in Pandemie-freien Zeiten 68.000 Zuschauer fassen könnte, scheint vielen Menschen zu gefallen. Von außen werden drei Ebenen durch schräg angebrachte Holzbalken gestützt. Angereichert werden die Etagen durch Hecken, Büsche und andere balkonartige Grünanlagen. Das Ganze wirkt wie fast ein urbaner Garten.

Der Eindruck der Nähe zur Natur wird bestärkt, indem das Stadion auch noch in einem riesigen Park mit reicher Fauna liegt, in direkter Nachbarschaft des Meiji-Schreins, der des Kaisers gedenkt, in dessen Regentschaft im 19. Jahrhundert eine rasante Modernisierung Japans fiel. Entsprechend heißt die Arena auch nicht einfach Olympiastadion, sondern gleich Nationalstation. Es ist eine Spielstätte, die ein ganzes Volk stolz machen soll. Der Nationalismus an diesem pompösen und zugleich friedlichen Bauwerk ist nicht mehr zu übersehen, wenn man seine Entstehungsgeschichte kennt. Es sollte nämlich erst ganz anders werden. Als die irakisch-britische Stararchitektin Zaha Hadid 2012 die internationale Ausschreibung gewonnen hatte, schwebte ihr eine Arena im futuristischen Stil vor. Sie sollte über verschieb- und versenkbare Ränge verfügen, aus der Entfernung auf den ersten Blick einem Fahrradhelm ähnelnd. Und sie passte vielen in Japan nicht. Im Stadtbild von Tokio würde dieser Entwurf wie ein Fremdkörper wirken, zumal dort, wo er realisiert werden würde - an der Stelle des vorigen Nationalstadions und damit neben dem für die japanische Urreligion Shinto heiligen Meiji-Schrein.

Entwurf für Seelenfrieden oder Heuchelei?

Mit diesem Argument forderte eine Gruppe namhafter Architekten schnell eine erneute Ausschreibung. Als die Kosten des Projekts von Hadid auf rund zwei Milliarden US-Dollar gestiegen waren, schuf der nationalistisch eingestellte Premierminister Shinzo Abe Fakten. Im Sommer 2015 verkündete Abe: "Wir müssen zurück ans Reißbrett." Wobei man es mittlerweile derart eilig hatte, dass das Reißbrett gar nicht mehr so wichtig schien.

Schon Ende 2015 wurde ein neuer Auftrag vergeben, und dies ohne detaillierten Plan. "Normalerweise hat man in der japanischen Branche zuerst einen Plan, und wenn der fertig ist, beginnst du zu bauen", sagte der Stararchitekt Kengo Kuma, nachdem er den Auftrag schon gewonnen hatte. Kengos klare Abgrenzung zum abgebrochenen Vorgängerprojekt könnte schon wichtig genug für den Zuschlag gewesen sein. Zudem stützte er sich auf die Kriterien, das Stadion möge "das einzigartig Japanische" hervorheben. "Das Design von Zaha Hadid war monumental und beeindruckend", so Kuma. "Aber es passte nicht."

Die Bäume im Meiji-Schreien und um das Stadion herum seien schließlich nicht bloß Wald. "Für Japaner haben sie eine wichtige Bedeutung. Sie sind psychologisch wichtig, bringen Seelenfrieden. Und dann mit einer Holzstruktur für das Stadion im Wald zu bauen, gibt den Menschen mentale Stabilität." Das Bauen mit Holz sei nämlich typisch japanisch. Wobei gleich die Frage aufkam, wie grundsätzlich dies wohl die japanische Architektur von jener anderer Länder abgrenze. Hadid witterte Nationalismus, fühlte sich unfair behandelt, zumal die gestiegenen Baukosten für ihr Projekt maßgeblich durch die Struktur der Baubranche in Japan geprägt gewesen seien. Vor allem aber sei Kumas Entwurf voll von Heuchelei und Plagiaten aus ihren eigenen Arbeiten. Also wirklich typisch japanisch? Es war eine Frage, für die sich die japanische Öffentlichkeit bald nicht mehr sonderlich interessierte. Olympia stand schließlich vor der Tür.

Olympische Widersprüche treten zum Vorschein

Akiko Hashimoto, Professorin für Kultursoziologie an der US-amerikanischen Yale University, hält dies wiederum für typisch. "Den Olympischen Spielen wohnt dieser Widerspruch inne zwischen universellen humanistischen Werten und chauvinistischem Nationalismus", schreibt sie in einem Aufsatz vom vergangenen Jahr. Schließlich sei das Konzept Olympischer Spiele auch eines des Wettkampfs zwischen den Nationen. So sei es kein Wunder, wenn insbesondere Gastgeber aus den Wettbewerben und den Orten des Geschehens nationalen Stolz ableiten.

Japan ist hier historisch besonders aufgefallen, insbesondere an dem Ort, wo nun das neue Olympiastadion steht. Schon für 1930, damals für die ostasiatischen Spiele, hatte die japanische Regierung das Meiji-Jingu-Gaien-Stadion gebaut. Danach sollte das Stadion den Olympischen Spielen 1940 dienen, für die Tokio das Austragungsrecht hatte. Doch Japan verzichtete, als man in einem Invasionskrieg in der regionalen Nachbarschaft die Ressourcen anderweitig zu brauchen glaubte. Das Meji-Jingu-Gaien-Stadion wurde schließlich ersetzt, als Tokio 1959 erneut das olympische Austragungsrecht gewann, diesmal für die Spiele 1964, die dann auch stattfanden. "Japan war sehr stolz, die ersten Olympischen Spiele in Asien zu veranstalten, und bemühte sich, diese mit Präzision und Ordnung durchzuführen", schreibt Akiko Hashimoto.

Diese Beschreibung entspricht dem, was man heute hört, wenn es um 1964 geht. Die Spiele galten als großer Erfolg, Japan präsentierte sich 19 Jahre nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg als technologisch hochentwickelter, funktionierender Industriestaat. Dabei war die nationalistische Komponente nie zu übersehen, auch im Stadion nicht. Kengo Kuma, der Architekt für das nun neugebaute Stadion, sagt: "Die Spiele 1964 waren die einer industrialisierten Gesellschaft, und das Stadion war ein großartiges Symbol davon." Das neue Stadion solle nun die aktuelle Ära repräsentieren. "Ich denke, die Nutzung von Holz ist dafür ein gutes Symbol. In der Industriegesellschaft des 20. Jahrhunderts benutzten sie Beton und Stahl. In der postindustriellen Zeit nutzen wir natürliche Stoffe."

Das klingt gut. Aber in den Augen des in Japan bekannten Literaturkritikers Yoshimasa Ishikawa ist dies vor allem "Nationalismus und Heuchelei". Nicht nur wegen des Hervorhebens vermeintlicher Besonderheiten, die sich womöglich eher im Detail auf ein nationales Erbe zurückführen lassen. Zum Tokioter Nationalstadion wurde im Jahr 2018 zudem bekannt, dass 87 Prozent des hierfür nötigen Sperrholzes in Regenwäldern Indonesiens und Malaysias gefällt und von dort importiert wurde. Gut 50 Nichtregierungsorganisationen forderten die Tokioter Organisatoren daraufhin auf, sich an die selbst gesetzten Regeln für Nachhaltigkeit zu halten. "Der tropische Regenwald in Indonesien ist ein Epizentrum für Diversität, der unter einer der höchsten Rodungsraten der Welt leidet", erklärte damals Hana Heiken von der NGO Rainforest Action Network.

Ob auch dieses Vorgehen typisch japanisch war, dazu gab es von den Offiziellen keine näheren Angaben.