"Ich war ein bisschen nervös, aber nicht sehr, nur ein bisschen", meinte das 14-jährige Ausnahmetalent Quan Hongchan nach dem letzten Wassersprung-Bewerb am Donnerstag. Die Wasserspringerin brillierte an jenem Tag mit ihren Sprüngen aus zehn Metern Höhe. Hongchan ist die jüngste Athletin des 431-köpfigen chinesischen Olympia-Teams und ist nun Olympia-Rekordhalterin: Mit drei perfekten Sprüngen gelang ihr eine Sensation. Für jeden ihrer fünf Sprünge erhielt sie die meisten Punkte von allen Teilnehmerinnen und gewann mit 466,20 Punkten den Bewerb. Dies war zuvor keiner Athletin bei den Olympischen Spielen gelungen; der vorhergehende Rekord belief sich auf 447,70 Punkte.

Zwei Sprünge wurden von den sieben Wertungsrichtern einstimmig mit der Wertung von zehn Punkten bewertet. Ihr letzter Sprung, ein zweieinhalb Salto rückwärts mit eineinhalb Schrauben, schrammte nur knapp an einer weiteren perfekten Wertung vorbei. Jedoch missfiel einem Juror eine Kleinigkeit, weshalb er ihr einen halben Punkt abzog. Aufgrund des Punktesystems, bei welchem die zwei höchsten und niedrigsten Punkte nicht zählen, fiel seine Wertung jedoch nicht ins Gewicht. Das bedeutet somit, dass Hongchan bei drei von fünf Sprüngen die Bestnote erhielt.

Keine Unbekannte

Wer nun glaubt, dass die 1,43 Meter große Chinesin vollkommen unbekannt ist, täuscht sich. 2020 gewann sie bereits die chinesische Nationalmeisterschaft mit gerade einmal 13 Jahren. Ebenso interessant ist, dass Hongchan das Wasserspringen ungefähr erst seit dem Jahre 2014 betreibt. Andere Athleten beginnen mit ihrer Sportart wesentlich früher.

China ist heuer eine Ausnahmenation. Mit Stand Donnerstagnachmittag hat das Land 34 Mal Gold, 24 Mal Silber und 16 Mal Bronze gewonnen. Die Volksrepublik hat heuer deutlich mehr Olympia-Siege gesammelt als noch in Rio vor fünf Jahren. China führt den Medaillenspiegel in Tokio an und könnte zum zweiten Mal seit den Heimspielen 2008 das erfolgreichste Team werden. Zu berücksichtigen ist hierbei jedoch auch, welch großes Land China ist, dementsprechend viele Athleten treten in Tokio an.

Nichtsdestotrotz brillieren die chinesischen Athleten mit ihrem Streben nach Perfektion. Sie brechen Rekorde - teilweise sogar in sehr jungem Alter - und lassen ihre Konkurrenten vor Neid erblassen. Ob sie an diese Leistungen dann auch als Gastgeberland für die Olympischen Winterspiele im kommenden Jahr anknüpfen können, ist fraglich. Sicher ist jedoch, dass Quan Hongchan die Siegesserie der Chinesinnen im Wasserspringen, welche seit den Olympischen Spielen 2008 in Peking andauert, fortgesetzt hat.

Der Kanadier Cedric Fofana. - © afp / Oli Scarff
Der Kanadier Cedric Fofana. - © afp / Oli Scarff

Hongchan ist nun nicht nur neue Rekordhalterin, sie ist auch die zweitjüngste Frau, die Gold in dieser Disziplin gewonnen hat. Ein Jahr jünger war Fu Mingxia, welche sich 1992 in Barcelona den Titel holte. Man stelle sich nur vor: Hätten die Olympischen Spiele im vergangenen Jahr abgehalten werden dürfen, hätte Hongchan nicht die Chance bekommen, bei diesen Spielen Geschichte zu schreiben, da sie zu jung gewesen wäre. Doch das Schicksal hat ihr in die Karten gespielt. Nicht so wie dem Kanadier Cedric Fofana, dem der große Olympia-Sieg jedenfalls für die diesjährigen Sommerspiele verwehrt blieb.

Cedric Fofana schrieb ebenfalls zu Beginn dieser Woche Geschichte: Beim Wasserspringen aus der Höhe von drei Metern verpatzte der 17-Jährige seinen Sprung und bekam für diesen insgesamt null Punkte. Damit schrieb er Olympiageschichte - wenn auch eine schmerzhafte. Als junges Nachwuchstalent hatte er sich doch noch bei der Vorausscheidung für Olympia durchgesetzt und somit einen Sieg gefeiert.

Folglich hatte sich Fofana sein Olympia-Debüt sicherlich anders vorgestellt. Statt um die Medaille mitzuspringen, erreichte er letztlich nur den letzten Platz. Nichtsdestotrotz hob sein Trainer Mitch Geller nach dem Bewerb Fofanas Talent hervor: "Dieses Resultat ist überhaupt kein Abbild seines Talents. Er ist einer der jungen Springer mit einem Talent, wie es Kanada noch nie gesehen hat."