Olympia kann so grausam sein: Ein einziger Griff, also nur wenige Zentimeter, fehlten Österreichs Kletter-Ass Jessica Pilz am Freitag, und auch sie hätte sich bei der Olympia-Premiere im Sportklettern mit einer Medaille dekoriert. In einem spannenden Vorstieg-Finale hätte der 24-jährigen Niederösterreicherin Rang zwei genügt, um so wie am Vortag Jakob Schubert mit Bronze heimfahren zu können - doch just die letzte Kletterin aus Korea schaffte einen Griff mehr und verdrängte sie noch auf Rang drei. Die Kletter-Kombinations-Arithmetik bugsierte Pilz damit vom Stockerl gleich auf den siebten Endrang nach hinten. Gold ging souverän an die Slowenin Janja Garnbret, die außer den Vorstieg auch den Boulder-Bewerb für sich entscheiden konnte. "Es ist gerade so unglaublich bitter, es war so knapp", meinte Pilz unmittelbar nach dem Thriller unter Tränen.

Für Österreich werden die Spiele der XXXII. Olympiade in Tokio - so am Final-Wochenende sich nicht noch Wundersames zuträgt - mit sieben Medaillen zu Ende gehen. So viel gab es auch bei den erfolgreichsten Nachkriegsspielen 2004 in Athen - Berlin 1936 (13 Medaillen) bleibt wohl für immer unerreicht. Es seien "unglaublich erfolgreiche Spiele für uns" gewesen, sagte ÖOC-Präsident Karl Stoss in einer Art Bilanz-Pressekonferenz am Freitag. Denn von der Zahl der Medaillen her seien es die zweiterfolgreichsten der Historie (gemessen an Goldmedaillen rangiert sich Tokio auf Platz acht ein). In Japan holte Anna Kiesenhofer Gold im Rad-Straßenrennen, Silber gab es im Judo durch Michaela Polleres (bis 70 kg) sowie Bronze für deren Teamkollegen Shamil Borchashvili (bis 81 kg). Auf Rang drei kamen auch Magdalena Lobnig im Ruder-Einer, Lukas Weißhaidinger im Diskuswurf, Karateka Bettina Plank in der Kumite-Klasse bis 55 kg und Kletterer Schubert in der Kombination.

"Sind auf dem richtigen Weg"

Unvergesslich sei das Gold von Kiesenhofer gewesen - einer einzelnen Person ohne Profiteam im Rücken, merkte Stoss an. "Das war weltweit die Topstory schlechthin. Eine Glanzleistung, die uns sehr stolz und auch sehr berühmt gemacht hat." Generell befand Österreichs oberster Olympier, dass hinter jeder Medaille eine "individuelle und zum Teil berührende Story" stehe, die man erzählen könnte. Man habe die Bilanz von Tokio 1964 getilgt, als man mit null Medaillen heimgefahren sei. Und von London 2012, wo es ebenfalls keine gab; sowie jene von Rio de Janeiro 2016 deutlich übertroffen, wo man nur einmal mit Bronze angeschrieben hatte. "Wir sind absolut auf dem richtigen und guten Weg, wir haben den Schnitt nach oben gehoben, sind über drei, wenn man die letzten zehn Sommerspiele hernimmt", sagte Stoss. Man sei in erster Linie eine Wintersportnation, aber habe hervorragende Sommersportler. "Wir werden in Ruhe analysieren, um bei den nächsten Spielen dieses Ergebnis zu halten und zu toppen." Ein Mosaikstein für den Erfolg war für ÖOC-Generalsekretär Peter Mennel die Inanspruchnahme der Olympiazenten. Nach London habe man eine Umfrage unter den Sportlern gemacht, nur 20Prozent kannten die Zentren. "Es ist uns gelungen, die Olympiazentren zu vernetzen, professionell auszurichten und international zu evaluieren. Jetzt trainieren 80 Prozent der Sportler in den Zentren und werden professionell betreut."

Alles eitel Wonne ist damit freilich noch nicht. Denn die Zusammenarbeit mit den Verbänden sei nicht überall Olympia-würdig: "Es gibt auch solche, die das weniger in Anspruch nehmen. Es gibt auch Sportlerinnen und Sportler, die ohne Verband und ÖOC zu Erfolgen kommen", so Stoss. Hinsichtlich Paris 2024 meinte Mennel, man müsse nun "frohen Mutes weiterarbeiten und Vollgas" geben. "Wir sind daran interessiert, dass wir die weltbesten Trainer für unsere Athleten haben."

Der Präsident des ÖOC sieht die Marke Olympia zwar top aufgestellt, meinte aber: "Es wäre für das IOC wünschenswert gewesen, wenn die Diskussionen im Vorfeld anders ausgefallen wären." Dass keine Zuschauer zugelassen waren, sei keine glückliche Entscheidung gewesen - aber darauf habe man keinen Einfluss gehabt. "Alle sind nun sehr happy und froh, dass die Spiele doch stattgefunden haben." Er fürchtet aber, dass die Winterspiele im Februar in Peking unter einem ähnlichen Corona-Bann stehen werden. "Wahrscheinlich werden wir eine fast ähnliche Situation erleben. Es wäre genauso schade wie in Tokio", sagte Stoss.(may/apa)