Schon auf der Fahrt zur Olympischen Bobbahn kann einem richtig schwindelig werden. In ringförmigen Schleifen schraubt sich die neu errichtete Autobahnabfahrt in das enge Hochtal im Norden von Peking. Man könnte meinen, diese Asphaltgirlanden auf 20 Meter hohen Betonstelzen sind bereits Teil der Bobbahn, aber nein, sie enden alle auf einem Parkplatz außerhalb des Ortes - Willkommen in Yanqing, Schauplatz der Olympischen Bob- und Rodelbewerbe sowie der Ski-Alpin-Rennen.

Linkerhand schmiegt sich die Bobbahn wie eine überdimensionale Schlange an einen Berghang, geradeaus kommt man ins Olympische Dorf der Alpinen. Von dort führt eine Straße hinauf zu den Skipisten, man kann aber auch eine Seilbahn besteigen, die die Besucher in mehreren Etappen bis auf den Startgipfel in über 2.100 Meter Seehöhe bringt. Da und dort wird noch gesägt, geschweißt, gebohrt, aber im Großen und Ganzen sind die olympischen Anlagen fertig. Auf den Skipisten sprühen die Schneekanonen auf Höchsttouren, abseits der Pisten präsentiert sich das Xiaohaituo-Gebirge allerdings braun. Nicht untypisch für diese Gegend, wo es an diesem Tag knackige -15 Grad Celsius hat, die sich im Zieleinlauf des Slaloms wegen des starken Windes noch viel kälter anfühlen. Aber natürlicher Schnee? Der ist hier traditionell Mangelware.

Li Xin kommt gerade von der Piste, er ist verantwortlich für die Beschneiung, für ihn ist dieser enorme Aufwand durchaus vereinbar mit dem Umweltschutz. Alles Wasser für den Kunstschnee sei hier in kleinen Stauseen gesammelt worden, erklärt er kritischen Besuchern aus dem Ausland, Schmelzwasser werde recycelt, und das Wasser sei auch nicht chemisch behandelt worden, sagt Li Xin. "Bio-Schnee", ist man beinahe versucht zu sagen, aber der Blick auf den Olympiaberg lehrt anderes. Hier hat für alle sichtbar der Mensch Hand angelegt, China hat ein schneeloses Gebirge olympisch gemacht. Mit viel Kunstschnee, viel Sprengstoff und viel Beton. Die High-Tech-Zieleinläufe der Alpinbewerbe konnten nur auf Stelzen in das enge Tal gezwängt werden, auch für die Zufahrtsstraße waren gigantische Erdbewegungen und Felssprengungen notwendig.

Die Causa Peng Shuai sorgte für Wirbel - bis China sie für beendet erklärte. - © afp
Die Causa Peng Shuai sorgte für Wirbel - bis China sie für beendet erklärte. - © afp

Für die Olympische Bobbahn wurde nicht ganz so viel Fels und Erdreich bewegt, dafür aber eine Menge Geld. Für umgerechnet 2,5 Milliarden US-Dollar hat China ein Statement ins Gebirge gemeißelt. Die 16 Kurven sind quasi indoor, technisch nur das Beste vom Besten, und wenn der Berg nicht nahe genug an die Steilwandkurve heranreicht, dann wird eben wieder auf Stelzen gebaut.

Beim ersten Testlauf vor wenigen Monaten sind die Bobsportler aus aller Welt in Ehrfurcht erstarrt vor dieser Bahn. Ja, so geht Olympia, wenn der Veranstalter zu allem entschlossen ist. In Peking werden mittlerweile alle Register der Propaganda-Orgel gezogen, die Olympischen Winterspiele müssen auch als vermeintlicher Beweis für den Aufstieg Chinas herhalten.

Zwar wird in offiziellen Reden gebetsmühlenartig der unpolitische Charakter der Spiele betont, doch das alles will nicht so recht zur Realität passen. Der diplomatische Boykott durch die USA und andere Staaten hat gehörigen Ärger in Peking ausgelöst, die Verbindung mit Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang und Hongkong empfinden Pekings Machthaber als ideologische Kriegserklärung.

Zhao Lijian ist Pressesprecher des chinesischen Außenministeriums und gehört zur neuen Generation chinesischer Diplomaten, die chinesische Interessen mit ungewohnter Aggressivität vertreten. Man könne gerne über Genozid sprechen, sagte Zhao Lijian, beispielsweise über den Genozid an der amerikanischen indigenen Bevölkerung. In den sozialen Medien Chinas werden Diskussionen über einen Olympia-Boykott des Westens geblockt und gelöscht, China duldet keine Störung seiner olympischen Idylle.

Kein Verständnis für Kritik

Das gilt auch für Peng Shuai. Die ehemalige Weltklasse-Tennisspielerin hat Anfang November die Internet-Zensoren herausgefordert. In einem Posting auf Weibo, dem chinesischen Pendant zu Twitter, beschuldigte sie niemanden Geringeren als den ehemaligen Vize-Ministerpräsidenten Zhang Gaoli des sexuellen Übergriffs. Nach nur 20 Minuten war das Posting gelöscht, die Fragen über das Wohlergehen Peng Shuais blieben.

- © Josef Dollinger
© Josef Dollinger

Nach einem völlig verunglückten Vermittlungsversuch von IOC-Boss Thomas Bach ist nun auch der Ringe-Konzern unter Druck geraten, kritisiert wird die devote Haltung gegenüber Peking. Später hat sich Peng Shuai ausgerechnet bei einer Werbeveranstaltung für Olympia in Shanghai zu Wort gemeldet. Es sei alles ein Missverständnis, niemand habe sie sexuell belästigt, sagte sie in einem vermutlich arrangierten Video. Peking betrachtet die Sache damit als erledigt: The show must go on!

Die Schanzen etwa sollen ein neues Wahrzeichen werden. 
- © Josef Dollinger

Die Schanzen etwa sollen ein neues Wahrzeichen werden.

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Am Stadtrand von Peking wird sich diese Show auf dem Gelände eines ehemaligen Stahlwerkes abspielen. Gleich neben dem Yongding-Fluss erhebt sich ein weiteres olympisches Mahnmal - die Schanze für die Snowboarder. Beim Big Air schrauben sich die Sportlerinnen und Sportler spektakulär auf ihren Snowboards in den Himmel - und landen hoffentlich in den Medaillenrängen. Diese Big-Air-Schanze ist weltweit die erste permanente Anlage für diesen Sport. Schanzen-Manager Liu Yuchuan denkt aber schon über Olympia hinaus. "Wir wollen auch Weltmeisterschaften und Weltcup-Bewerbe hier veranstalten, dieses neue Wahrzeichen kann auch für Konzerte genützt werden."

Doch ob in Zukunft auch Sportler kommen werden, ist ungewisser denn je. Der Welttennisverband der Frauen hat wegen der Peng-Shuai-Affäre alle Turniere in China abgesagt. Andere Sportverbände könnten folgen. In Pekings Straßen kommt nur langsam Vorfreude auf die Olympischen Spiele auf, Boykottaufrufe des Westens stoßen hier auf kein Verständnis. Viele Chinesen sind stolz auf "ihre" Spiele, sie verstehen nicht, warum China vom Ausland plötzlich wie ein Aussätziger behandelt wird. Wobei es genau andersherum geschieht. Etliche ausländische Sportler, die zu Testbewerben in und um Peking angetreten sind, beklagten die äußerst harsche Behandlung durch das chinesische Pandemie-Personal.

Die Tribünen freilich sind derzeit leer. 
- © Josef Dollinger

Die Tribünen freilich sind derzeit leer.

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Zum Beispiel in Zhangjiakou in Hebei, wo die nordischen Bewerbe stattfinden. Auch hier wurde nicht bloß gebaut, hier wurde mit der hypermodernen Sprungschanze ein Ausrufezeichen in die Landschaft geklotzt. Einem futuristischen Raumschiff ähnlich, lehnen sich die beiden Schanzen gegen den Berg, betonierte Promenaden auf Stelzen führen von dort bis zum Biathlonstadion nach links und zum Landlauf-Stadion nach rechts. Dass auch hier keine Kosten gescheut wurden, sieht man mit freiem Auge. Alle Busfahrer im Shuttledienst sitzen hinter isolierten Plexiglasscheiben, jeder Kontakt zu den ausländischen Besuchern muss unterbunden werden. Beim Testbewerb der nordischen Kombinierer konnten Journalisten keinen unmittelbaren Kontakt zu den Sportlern herstellen, Interviews sind nur über Videoschaltung möglich - natürlich nur gegen Voranmeldung der Frage, wie es in China üblich ist.

Dafür sind überall Wachen zu sehen. 
- © Josef Dollinger

Dafür sind überall Wachen zu sehen.

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Ausländische Korrespondenten in Peking beklagen schon seit Monaten, dass ihnen der Zugang zu den olympischen Sportstätten meistens verwehrt wird. Immer wieder dient die Corona-Pandemie als Vorwand, lästige Journalisten von den Schauplätzen fernzuhalten. Pressefreiheit sieht jedenfalls anders aus. Etwa 100.000 freiwillige Helfer werden in den olympischen Blasen über mehrere Wochen isoliert, für viele entfällt damit das wichtige Frühlingsfest ein zweites Mal, nachdem sie schon im Vorjahr wegen der Pandemie nicht zu ihren Familien reisen durften. Jeder Kontakt zwischen olympischen Sportstätten und der Außenwelt muss verhindert werden.

In China folgt schließlich alles einem strengen Protokoll, jede Position ist genau geplant.

In China folgt schließlich alles einem strengen Protokoll, jede Position ist genau geplant.

Selbst der Müll bleibt für die Dauer der Olympischen Spielen im isolierten Bereich. Kein Risiko, nichts fürchtet China mehr als einen neuerlichen Ausbruch der Pandemie im eigenen Land.

Trotz allem scheint die Pandemie China den Weg frei zu machen zu ungestörten Propaganda-Spielen: Journalisten an der Corona-Leine, keine ausländischen Sportfans mit Protestaktionen, ein ausgewähltes heimisches Jubel-Publikum. Aus dem Fest der Völker könnte ein Fest der Volksrepublik werden.

Josef Dollinger ist ORF-Korrespondent in Peking.